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Werdenberger Jahrbuch 1991-004

Bibliografische Daten

fullscreen: Werdenberger Jahrbuch 1991-004

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Werdenberger Jahrbuch
Untertitel:
Beiträge zur Geschichte und Kultur der Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald : Historisch-Heimatkundliche Vereinigung des Bezirks Werdenberg
Publikationsort:
Buchs
Verlag:
Buchs Dr. u. Ver
Größe der Vorlage:
Online-Ressource

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz407473181
Strukturtyp:
Ausgabe
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Werdenberger Jahrbuch 1991-004
Veröffentlichungsjahr:
1991-004-01

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz407473181_1991_004

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Werdenberger Jahrbuch
  • Werdenberger Jahrbuch 1991-004

Volltext

nen oder anderen Linie des Gesamthau 
ses gibt. Ungeachtet aller historischen 
Fehden hatten sich beide Linien im 15. 
Jahrhundert wieder zu einem gemeinsa 
men Haus zusammengefunden, das nie 
mand besser repräsentieren konnte als 
Wilhelm VIII. von Montfort zu Werden 
berg. Er vereinigte nicht nur im Titel bei 
de Linien von Montfort und von Werden 
berg, vielmehr noch gehörten seine bei 
den Eltern und drei seiner vier Grossel 
tern diesem Gesamthause an. Eine grös 
sere Ahnendichte aus der montfortisch- 
werdenbergischen Sippschaft war gar 
nicht mehr vorstellbar. 
Dazu wurde vielleicht zu wenig in Rech 
nung gestellt, dass Lirer auch den Grafen 
von Hewen eine Vorzugsstellung ein 
räumt: 173 Der römische Kaiser Kurio (hier 
liegt eine Anspielung auf «Chur»), der 
Begründer des schwäbischen Adels, hat 
drei Söhne: der älteste Sohn Magnus von 
Hewen besitzt die Burg Hohentrins; 174 der 
zweite Sohn, Egloff von Wartau, besitzt 
Gutenberg; und der dritte Sohn Anselm 
[Anspielung auf Wilhelm?] von Starken 
berg (= «Montfort»), besitzt die Burg 
Montfort. 
Klementa von Hewen stammte von Ho 
hentrins, ihr illegitimer Bruder war 
Schlossherr auf Wartau, ihr Ehemann 
Wilhelm von Montfort. Schon hier glaubt 
man Klementa von Hewen als Auftragge 
berin fassen zu können. Das wird auch 
alles durch die Holzschnitte der Lirer- 
chronik unterstrichen. Alle drei Burgen 
sind mit den zugehörigen Wappen im Bild 
dargestellt: Hohentrins, Gutenberg (= 
Wartau) und Montfort (= Werdenberg). 
Die hier vertretene These unterscheidet 
sich von der Ansicht Grafs im wesentli 
chen durch eine unterschiedliche zeitliche 
Einschätzung der Entstehung der Chro 
nik. Graf setzt die Niederschrift in die 
Zeit nach 1453/60, wobei er sich auf die 
Erwähnung des Turiner Grabtuches 
stützt. 175 Demgegenüber sehe ich in der 
hier folgenden Erzählung eine Verschlüs 
selung der Ehebruchsgeschichte der Kle 
menta von Hewen, die Lirer erst 1483 
oder später niedergeschrieben haben 
kann, am ehesten 1484 anlässlich ihrer 
Hochzeit mit Johann Peter von Sax-Mi- 
sox. Folgt man der hier vertretenen Mei 
nung, dann steht auch die von Graf vorge 
tragene Hypothese in einem neuen Licht, 
dass man aus Lirer eine Anspielung dar 
auf zu erkennen glaubt, «dass Jakob von 
Landau aus dem in den Niederadel abge 
stiegenen Geschlecht der Grafen von 
Württemberg-Grüningen-Landau 1484 
auf dem Turnier in Ingelstadt als nicht 
turnierfähig zurückgewiesen wurde». 176 
Wir würden also mit beiden Vorfällen in 
das Jahr 1484 kommen; die eine Hypothe 
se würde mithin die andere bestätigen. 
Es ist zuzugeben, dass die an den folgen 
den (hier etwas gekürzten) Text anknüp 
fenden Überlegungen spekulativ sind. Bei 
Lirer ist aber alles verschlüsselt, so dass 
einem Verständnis Lirers ohne Intuition 
und Spekulation gar nicht nähergetreten 
werden kann. . . . «Item allso was Jurgo 
und Hego in ainem weiten tal und land. 
und bawten auff ainem starcken berg ain 
vesten die hiessent sie Heu vnd das land 
darumb Hego nach ym. Vnd der kayser 
Kurio het sein tochter ertöt.vnd vber die 
zinnen ausgeworffen. wann er fand sie bei 
seinem capelan. die hiess Cleopha [...] 
Nun het Hego [...] auch zwen sün vnd ain 
tochter, ainer hiess Petrus, der ander Jo 
hannes. die tochter hiess Cleopha. vnd 
was ain sälige jungkfraw vnd wolt kain 
man nemen. Nun was sie gar schön vnd 
het gar vil anfechtung von den herren vnd 
der weit. Die bat vnser frawen das sie 
ungestalt würde, vnd nit vberwunden von 
der weit. Allso war die feltsiech. vnd bau 
et mit irem gut vnd klaineten ain kloster 
gehaissen Wetenfeld. da ligt sie begra 
ben.» 177 
Der Schauplatz wird nun aus Rätien an 
den Bodensee verlegt, wo Klementa von 
Hewen ihren neuen Wohnsitz in Gaienho 
fen im Hegau nahm. Hego (= «Hegau») 
baut die Burg Heu (= «Hewen»), wonach 
das Land Hegau benannt wurde. Hego 
wirft seine Tochter Cleopha I (= «Kle 
menta d.Ä.), als er sie bei einer ausser- 
ehelichen Beziehung stellt, über die Zin 
nen. Dann fallen die drei Namen der Kin 
der des Hego: Peter, Johann, Cleopha II. 
Ist hier nicht an Johann Peter (von Sax- 
Misox) und Klementa zu denken? Kle 
menta erfüllt eine mehrfache Funktion: 
Sie ist einmal Klementa die Jüngere, die 
von ihrem Verlobten verschmäht wird und 
Jungfrau bleibt; tatsächlich wurde sie ja 
auch erst Ende 1484 verheiratet. Als Lirer 
schrieb, war sie noch Jungfrau und passte 
in das Bild einer Klosterstifterin. Zum 
ändern versinnbildlicht Cleopha II. aber 
den Grafen Wilhelm VIII., der fcldsiech 
(= leprakrank) wird und deswegen aus 
dem ehelichen Schlafgemach ausquartiert 
wird und sozusagen «Jungfrau» bleibt; er 
stirbt in klösterlicher Abgeschiedenheit. 
Der Name Wetenfeld bleibt vorerst unge 
klärt, könnte aber eine Anspielung auf 
Langnau sein («Lang» = «Weiten-»; «Au» 
= «Feld»), Langnau passt freilich nicht, 
da Wilhelm VIII. als einziges Familien 
mitglied nicht in Langnau begraben wur 
de. Aber eben deswegen steht «Weten 
feld», das durch den dreifachen «E»-laut 
an «Werdenberg» erinnert, womit der tat 
sächliche Begräbnisort erkennbar ange- 
dcutet wird. 
Es gibt in Lirers Chronik noch eine weite 
re Erzählung, die für unsere Deutung ein 
schlägig ist. Ein Montforter 178 zieht «an 
des grossen Kaisers hoff des Chans von 
Kathey». Die Königin, die «ausserhalb 
ires herren und eelichen gemahels ainen 
anderen geliebt und ausserwelt ir kürtz- 
weil mit ym zu haben» (Klementa von 
Hewen und Johann Peter von Sax-Misox), 
soll ihre Unschuld durch einen Zwei 
kampf (Gottesurteil) beweisen. Der von 
Montfort erklärt sich bereit, ihre Ehe zu 
verteidigen. Auf seine Frage, ob sie schul 
dig sei, gesteht sie die Wahrheit, und 
trotzdem kämpft der Montforter, siegt 
und rettet die Ehre der Königin, «als das 
nit unpillich was». 
Während Eugen Thurnher diese Ge 
schichte für eine Episode hält, «wie sie die 
Geschichte zu allen Zeiten zeigt» 179 und 
sich damit ein richtiges Verständnis ver 
baut, sieht Graf darin mit Recht eine un 
erhörte Begebenheit, «denn mir ist kein 
anderes Beispiel in der Literatur bekannt, 
in dem ein Ritter die Ehre einer untreuen 
Ehefrau mit Erfolg verteidigt und der 
Ehebruch weder schwankhaft noch mora 
lisch gerechtfertigt aufgefasst wird.» 180 
Sieht man in Klementa von Hewen die 
Auftraggeberin Lirers, dann wird die Ge 
schichte plausibel. Es ist Thomas Lirer 
selbst, der hier in die Rolle des Montfor 
ter Ritters schlüpft und die Ehre seiner 
Herrin verteidigt, ohne nach Recht und 
Unrecht zu fragen, «als das nit unpillich 
was». Man wird weiter über diese These 
nachdenken müssen, zumal ihr eine 
Schlüsselstellung bei der Enträtselung Li 
rers zukommt. Bejaht man diese These, 
so erhält Werdenberg als Stätte literari 
schen Schaffens eine neue Dimension. 
Aber auch das Haus Montfort zu Werden 
berg steht damit in einem neuen Lichte: 
Es stand Pate bei der Entstehung eines 
bemerkenswerten Werkes der deutschen 
Literatur des Spätmittelalters.
	        

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