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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 2020-05

Bibliografische Daten

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 2020-05

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Kultur
Untertitel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Publikationsort:
Dornbirn
Verlag:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Strukturtyp:
Band
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 2020-05
Veröffentlichungsjahr:
2020

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_2020_05

Artikel

Strukturtyp:
Artikel
Autor:
Natter, Peter
Titel:
Augenblick verweile ...! Schafft Spielraum!
Beteiligte Personen:
Natter, Peter

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 2020-05
  • Titelseite
  • Inhaltsverzeichnis
  • Corona-Krise - Abgang, (Sonnen-)Aufgang, Absage ...
  • "Wir sind nicht der Nabel der Welt, aber ein Fenster in die Welt!"
  • "Demokratie lebt aber von der Luft, vom Offenen, auch vom Risiko des Lebens."
  • Bildungspolitik in Coronazeiten - ein Chaos!
  • Innovativ-kreatives Musik- und Kulturerleben mit Abstand
  • Kunst, die das Jetzt abbildet
  • Individualverkehr versus öffentlicher Verkehr
  • Programmverschiebungen und Ausstellungsverlängerungen
  • Fette, aufgeblasene Kommentare zur Konsumgesellschaft
  • "Mit Siebenmeilenstiefeln in die Moderne"
  • Vom Wasser ins Internet
  • K3 Kulturvermittlung mit Lehrlingen
  • "Das stehen wir nur eine begrenzte Zeit durch"
  • Grenzen durch Bewegung überwinden
  • Zwischen den Stühlen
  • Von anagrammierten Graffitis, leeren Keramiksprechblasen und kooperativen Modellen
  • Großes Theater von Kindern und Jugendlichen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene
  • "Windwerk" schafft einen neuen künstlerischen Entfaltungsraum
  • Augenblick verweile ...! Schafft Spielraum!
  • CD-Tipps
  • Ein unvergleichlicher Schatz
  • Vorletzte Seiten

Volltext

58 Kultur Juni 2020 
Peter Natter 
Es ist nicht einmal so sehr der zum Verweilen aufgerufene 
Augenblick, es ist viel mehr der Aufruf, im Anblick des An- 
geblickten zu verweilen, innezuhalten. Es sind die Götter, 
die Muße schenken, nicht ein Virus! Das Virus sto ppt dich 
nur mehr oder weniger brutal; schenken tut es gar nichts 
und bringen nur V er derben: Von wegen „die Krise macht 
uns stark!“ Das ist bill iger Zynismus. Dies festhaltend neh- 
men wir dennoch das allgemeine Innehalten von Mitte 
März zur Kenntnis, auch wenn es eher ein erstmal blöd 
Schauen war. So wie nur diejenige, die das Gesetz einhält, 
zur Einsicht in seine Form und Bedeutung gelangt, so nur 
der V erweilende zum echten Einblick. Aus dem bloßen Er- 
eignis, Erlebnis gar, wird so ein Eräugni s, wie der längst und 
eben doch nicht ganz vergessene Philosoph Leopold Ziegler 
(1881 –1 958) 
1 
es nennt. So auch kann das Unbeschreibliche 
Ereignis werden, können also Erkenntnisse gewon nen wer- 
den, die dem schnellen, datencheckartigen Hingucken, dem 
Abscannen und Kopi eren verschlossen bleiben. Der elterli- 
che oder lehrerhafte oder therapeutische Aufruf, genau hin- 
zuschauen, endlich die Augen aufzumachen, klingt in den 
Ohren, bis hin zum „Schau mir in die Augen, K leines!“ , was 
wohl ersten s auf einen längeren Blick und zweitens auf eine 
tiefere Begegnung hinauslaufen will. Somit geht es in dieser 
Osmo se, durchaus im Sinne der aktuellen pa ndem ischen 
Problemstellungen, um ein ästhetisches V er weilen. Diesen 
Titel trägt ein überau s verblüffendes 
Buch2 
des theoreti- 
schen Philosophen Dirk W esterkamp. Das „t heoret isch“ in 
der Berufsbezeichnung markiert den Zusammenhang mit 
dem Thema, meint doch Theorie eben genau das: „Schau“. Die 
Nähe zur Kontemplation, zur Betrachtung, zur Anschauung 
und zur Andacht liegt auf der Hand, die damit einiges zu tra- 
gen, zu transportieren hat: sensibles, wertvolles, zu hegen- 
des Gut. 
„Am Verweilen ist nun näher das Nichtmitgehen mit der 
Zeit von dem verweilenden Mitgehen mit der Zeit der Sache 
zu unterscheiden.“ (Westerkamp, S. 11) Anschauung, in die 
sich das Individuum verliert als „ein reines, willenloses, 
schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntniß“ 
3 
, wie, man 
st aune, Michel Houellebecq seinen Hausphilosophen Arthur 
Schopenhauer zu Wort kommen lässt. Denn, heißt es bei 
Westerkamp etliche faszinierende Gedankengänge weiter, 
die u. a. einen grandiosen Einblick in moderne Malerei (Mon- 
drian, Rothko, Pollock, Kandinsky, Klee, Malewitsch …) er- 
lauben, denn „wir sind … nur dort wir selbst, wo wir uns 
auch als einen Anderen und diesen als ein Wir und zugleich 
als von b eiden unterschieden imaginieren. Selbstbewusst- 
sein konstituiert sich in der Anerkennung a nderer Selbstbe- 
w usstseine, die uns immer schon vorausgehen“ (Westerkamp, 
S. 133). Über Anerkennung, dies für die W eite rleseri nnen , ist 
prominent die Rede in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift 
für 
Ideengeschichte4; 
etwa in einem starken Aufsatz von Ju- 
dith Butler: „Warum jetzt Hegel lesen“ – keine Frage übrigens, 
sondern Nachweis einer Unabdingbarkeit sozialen, politi- 
schen, gesellschaftlichen, subjektiven Handelns. 
Vom „appetitus societatis“ schrieb der Rechts- und Staats- 
philosoph Hugo Grotius (1583–1645); auch wenn einem dieser 
wesensimma nente Appetit manchmal vergehen mö chte, er 
ist da und er ist gut und er will bedient werden. Niemand 
kann mir verordnen, keinen Hunger zu haben, höchstens, 
ihn zu zügeln, zu domestizieren, zu beherrschen eben. Mit 
den Menschen ist es nicht immer lei cht, mit dem lieben Gott 
schon eher. Gott will das Richtige, weil es richtig ist (daher 
gibt es nichts zu würfeln!). Bei den Menschen, vor allem bei 
messianisch auftretenden Zeitgenossen in Regierungsäm- 
tern, ist es schon sehr zweifelhaft, ob sie das Richtige wollen 
(das manchmal schwer zu eruieren ist, zugegeben, und erst 
im Nachhinein seinen wahren Charakter zeigt). Dann noch 
die Fra ge, warum sie, die Schneidigen, wollen, was sie wol- 
Augenblick verweile …!   
Schafft Spielraum! 
Osmose 34
	        

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