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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Bibliografische Daten

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Kultur
Untertitel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Publikationsort:
Dornbirn
Verlag:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Strukturtyp:
Ausgabe
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09
Veröffentlichungsjahr:
1987-09-01
Information:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_09

Artikel

Strukturtyp:
Artikel
Autor:
Bracharz, Kurt
Titel:
Der Pfaffenspiegel ist trüb geworden
Beteiligte Personen:
Bracharz, Kurt

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09
  • Titelseite
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Kultur Im/Um-Bruch oder Jedermann für Jedermann
  • Der Pfaffenspiegel ist trüb geworden
  • Eine Landesgalerie für sich - 3 Jahre Galerie Sigma
  • Harter Literaturweh-Bewerb
  • Gorbatschow macht's möglich
  • Blintimus Blinsky und die Unbedenklichkeit
  • Magazin
  • Reaktionen
  • Sprachrisse zu Ingo Springenschmids "Pattstellung"
  • Der literarische Beitrag: Otto Nachbauer - Rückzug
  • Elmar Grabherr und die Politik seiner "Vorarlberger Geschichte"

Volltext

6 
KULTUR 
Der Pfaffenspiegel 
ist trüb geworde 
"Herr von Voltaire, der merkte, 
wie die Religion alle Tage an 
Kraft verlor, sagte einmal: 'Das 
ist doch verdrießlich, denn wor 
über sollen wir uns nun lustig ma 
chen?' - 'Oh', sagte ihm Herr Sa 
batier de Castres, 'trösten Sie 
sich; an Gelegenheit und Mitteln 
wird es Ihnen nicht fehlen.' - 
'Mein Herr', sagte Voltaire 
schnerzbewegt, 'kein Heil außer 
halb der Kirche.'" 
Chamfort, der uns diese Anekdote 
überliefert, war das uneheliche 
Kind eines Geistlichen und verließ 
das College des Grassins in Paris 
als Abbe; er hatte freilich schon 
früher zum Prinzipal gesagt: "Ich 
warde nie Priester sein; ich liebe 
zu sehr die Philosophie, die Wei 
ber, die Ehre, den wahren Ruhm;und 
zu wenig die Despoten, die Heuche- 
ley, die Titel und das Geld." 
Das war im Goldenen Zeitalter der 
Aufklärung, von deren mittlerweile 
freilich homöopathisch verdünnten 
Überresten wir heute noch zehren. 
Das "in Vorarlberg wohl massivste 
aufklärerische Ereignis seit lan 
gem" soll im Herbst 1986 stattge 
funden haben: die kirchenkritische 
Vortragsreihe KLER-SCHLAMM. Das 
wohlmeinende Zitat stanrnt aus ei 
ner daraus hervorgegangenen Bro 
schüre: "Kreuz und Quer. Von der 
Unmoral der Kirche." Blättern wir 
darin ein wenig. 
Der Untertitel verweist also auf 
die UnMDRAL der Kirche. Auf Seite 
4 lesen wir von der "flexiblen 
'MDRAL' der katholischen Kirche". 
Auf Seite 7 steht das Motto, von 
Albert Camus:"Die MDRAL existiert. 
UnMDRALisch ist das Christentum." 
Wer im Gedenken an den großen 
Chamfort die Philosophie, die Wei 
ber, die Ehre und den wahren Ruhm 
(des Schriftstellers) liebt, wird 
mit soviel MDRAL in so wenig Zei 
len keine Freude haben. Ist das 
ständige Moralisieren nicht die 
Lieblingsbeschäftigung der Pfaffen 
(womit ich nicht alle, sondern ei 
nen ganz bestimmten Klerikertypus 
meine; im Fernsehen ist er überre 
präsentiert)? Hat man sich am Geg 
ner infiziert? 
Oscar Wilde, zugegebenermaßen kein 
Moralist,sondern ein Ästhet, mein 
te: "Moralität ist eine Pose: wir 
wenden sie gegen Leute an, die uns 
unangenehm sind." Der Volksmund 
meint etwas schlichter, moralische 
Entrüstung sei unterdrückter Neid. 
Daß die Kirche als multinationaler 
Konzern und als Kulturindustrie 
noch immer ein voller Erfolg ist, 
wird niemand bezweifeln, der in 
den Zeitungen den Wirtschaftsteil 
liest und Fernsehsendungen über 
den derzeitigen Papst sieht. 
Wir würden deshalb gerne gutge 
schriebene Darstellungen über die 
Opera religiosa (das ist natürlich 
eine Bank), die Nicht-Auslieferung 
von Erzbischof Paul Marcinkus an 
den italienischen Staat, Teilhard 
de Chardins Meinung über den Krieg 
als Beitrag zur "natürlichen Evo 
lution" oder darüber, daß er als 
Mitglied der kämpf enden Truppe mit 
Granate und MD "mehr Priester" 
sein könne als im Santitätsdienst, 
den Antisemitismus Pater Maximili 
an Kolbes als Schriftleiter einer 
polnischen Zeitung der Vorkriegs 
zeit, meinetwegen auch bloß über 
die Beteiligung der Kirchenbank 
Schellhammer & Schattera an der 
Spielbanken AG oder ähnliche The 
men lesen. Werden wir hier mit 
solchen freilich nicht leicht zu 
beschaffenden Leckerbissen ver 
wöhnt? 
Leider nein. Das Vorbild scheint 
immer noch Corvin zu sein. Blät 
tern wir weiter. 
Im mit "Denk-Mal" Unterzeichneten 
Vorwort findet sich ein interes 
santer Satz: "Wer hat je erfahren, 
daß Berühmtheiten wie Goethe, Les 
sing, Heine, Camus oder auch Mark 
Twain scharfe Kirchenkritiker wa 
ren?" Also ein paar könnte ich da 
doch aufzählen, . die das schon mal 
erfahren haben, und sei es auch 
nur aus zweiter Hand, nämlich aus 
Deschner's mittlerweile 25 Jahre 
alten Bänden zum Thema. Aber in 
teressant ist der Satz noch aus 
einem anderen Grund, nämlich aus 
der Art, Kirchenväter (oder mei 
netwegen Anti-Kirchenväter) zu 
Hilfe zu rufen: Namensnennung ge 
nügt, wenn Goethe und Camus dage 
gen waren, sind wir's offenbar 
auch. 
Ebenfalls von Denk-Mal stammt der 
Artikel "Herrgottswinkel", eine 
Darstellung der Geschehnisse rund 
um die letztjährige Veranstal 
tungsreihe. Der Brief des Bischofs 
Wechner an den Bludenzer Bürger 
meister wird einem bischöflichen 
Dekret aus dem Jahre 1655 gegen 
übergestellt, was eigentlich nur 
erwähnenswert ist, weil die fort 
währende Vermischung von Jahrhun 
derte auseinanderliegenden Ereig 
nissen unter Berufung auf deren 
angebliche strukturelle Ähnlich 
keit leider ständige Methode die 
ser Art Kirchenkritik ist, so als 
gäbe es keine Veränderungen des 
Bewußtseins oder könne man diese 
vernachlässigen. Aber tempora mu- 
tantur, ecclesia et mutatur in 
illis. (Das soll nichts entschul 
digen, nur den historischen Blick 
einfordem). 
Es folgt eine "Chronologie der Er 
eignisse", in der auch die "Kultur" 
ihr Fett abbekommt: wir nahmen ei 
ne Ankündigung von Kler-Schlamm 
nicht als redaktionellen Beitrag, 
sondern als bezahlte Anzeige ins 
Blatt. Ein kritischer Beitrag von 
Kurt Greussing zum selben Thema 
ist der Dokumentation allerdings 
keine Erwähnung wert. Wenn dann 
auch noch 21 Seiten "Medienspie 
gel" und Leserbriefe (aus Kirchen- 
blättem, VN etc.) abgedruckt wer 
den, ist das ohnehin allseits be 
kannte Vorarlberger Kultur(kampf)- 
klima wohl mehr als ausreichend 
dokumentiert, und der Käufer der 
nicht eben billigen Broschüre 
kommt sich ein bißchen gefoppt 
vor: wer die VN schon im Original 
nicht lesen mag, wird es kaum als 
2. Aufguß in einem Buch tun wol 
len. 
Aber nun beginnen ja die kriti 
schen Artikel. Mag. Wolfgang Mau 
rer erklärt in "Krisenbewußtsein 
und Religion", wie die katholische
	        

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