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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Bibliografische Daten

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Kultur
Untertitel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Publikationsort:
Dornbirn
Verlag:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Strukturtyp:
Ausgabe
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09
Veröffentlichungsjahr:
1987-09-01
Information:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_09

Artikel

Strukturtyp:
Artikel
Autor:
Jörg, Roland
Titel:
Kultur Im/Um-Bruch oder Jedermann für Jedermann
Beteiligte Personen:
Jörg, Roland

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09
  • Titelseite
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Kultur Im/Um-Bruch oder Jedermann für Jedermann
  • Der Pfaffenspiegel ist trüb geworden
  • Eine Landesgalerie für sich - 3 Jahre Galerie Sigma
  • Harter Literaturweh-Bewerb
  • Gorbatschow macht's möglich
  • Blintimus Blinsky und die Unbedenklichkeit
  • Magazin
  • Reaktionen
  • Sprachrisse zu Ingo Springenschmids "Pattstellung"
  • Der literarische Beitrag: Otto Nachbauer - Rückzug
  • Elmar Grabherr und die Politik seiner "Vorarlberger Geschichte"

Volltext

4 
KULTUR 
’This is a campaign, it has no 
thing to do with art; M 
G.P. Orridge 
Wie geht man ein so nebulöses The 
ma an? Zuerst einmal spitzt man 
sich den Bleistift, weil es dem 
für den gewieften Schreiber unver 
meidlichen Mont-Blanc-folbenfüll- 
federhalter durch einen Sturz aufs 
Parkett die Goldfeder geknickt 
hat. Und aus lauter Verdruß dar 
über legt man den Bleistift wieder 
aus der tolpatschigen Hand und 
blättert stattdessen fadisiert das 
Fernsehprogramm durch. Und siehe 
da - man steht plötzlich in medias 
res: mitten im Thema. FS 1 und FS 
2 (Fisch & Fleisch) nehmen ihren 
Bildungs- und Kulturauftrag wahr: 
Musikantenschtadl wechselt sich ab 
mit Aufzeichnungen aus dem kleinen 
Festspielhaus oder der großen 
Staatsoper, Opera buffa mit könig 
licher Abendmusique. Zur Ausgewo 
genheit werden zehnminütige Ein 
spänner wie das "folturschurnal" 
(zit. bei FALTER) oder die "Kunst 
stücke" angeboten, letztere aller 
dings zu einer schlaftrunkenen 
Sendezeit, wo garantiert ist, daß 
alle lustigen Witwen und Vogel 
händler sich bereits zur Nacht ge 
bettet haben. 
Wenn auch derzeit noch Kunstformen 
und -aktivitäten der Avantgarde/- 
Kbdeme nicht völlig an den Rand 
gedrängt sind, so zeichnet sich 
dennoch ein Trend ab,der sich dar 
in äußert, daß generell (nicht nur 
über die Femsehanstalt) andere 
Kunstformen - nennen wir sie ein 
mal "erstarrte Trabanten einer Re 
präsentationskultur" - forciert 
werden. Mit einen vielleicht etwas 
naiv annutenden Vergleich verdeut 
licht: formte man sich bislang 
das, was so hinlänglich als Kul 
turbetrieb im Zusammenspiel aller 
öffentlichen und privaten Initia 
tiven bezeichnet wird, so als eine 
Art Wechselstrom vorstellen, mit 
wechselnden Plus (+)- und Mi 
nus (-)po len und gelegentlicher 
Hochspannung, so dürfte es den 
aufmerksamen Beobachtern des kul 
turellen Lebens (und der Autor 
zählt sich unbescheiden zu jenem 
kleinen Häufchen) nicht entgangen 
sein, daß seit einiger Zeit auf 
Gleichstrom ungestellt wurde. Der 
Vergleich mit Wechselstrom ist 
nicht mehr stimmig. Kultur ist 
Gleichstrom, heißt die neue Devi 
se, und die Spannung ist raus. Die 
derzeitigen Auswüchse des Kultur 
betriebes bestehen weitgehend dar 
in, daß Kultur re-zitiert wird. Es 
ist eine Epoche der Jubiläen ge 
worden. Buxtehude beispielsweise 
feiert seinen 350. Geburtstag (und 
das, obwohl sein genaues Geburts 
jahr nicht feststeht), und schon 
zieht eine Flut von Buxtehudezyk 
len durch die fonzertsäle und die 
Liste ließe sich endlos fortset 
zen. Damit aber nicht genug. 
Kultur in ihrer eindimensionalen 
Repräsentations- und Rezitations 
form erlebt einen Boom. Man baut 
auf Klassiker (die sind handfest 
und rezitabel) und - als zweifel 
hafte Form sozialen Denkens - ver 
mittelt über die Medien eine Art 
"neues Kulturbewußtsein des klei 
nen Mannes", dem alsbald ein 
schlechtes Gewissen hochkommt, 
x-rerrn er den Radetzkymarsch nicht 
von Beethovens Siebter unterschei 
den kann. Er steht unter Kultur- 
Nachhol-Streß - und die neuesten 
Erfolgszahlen des Kultur- und 
Festspieltourismus verhärten diese 
These. So rechneten etwa die Fest 
spielgiganten in Verona im Sommer 
87 mit 600.000 Besuchern.Dan blau 
äugigen Kulturpolitiker lacht das 
Herz, "Kultur" hat endlich jene 
Breitenwirkung, die in seiner er 
klärten politischen Absicht stand, 
und er übersieht dabei, daß das 
Gros der Kultumomaden, die Fest 
spielhäuser und Arenen bevölkern, 
völlig kritiklos diesen Genuß über 
sich ergehen läßt. 
Nach Umfragen, erklärte etwa ein 
Vertreter der Festspiele in Verona 
bei einer Pressekonferenz im Mai 
87 der Festspielstadt Bregenz 
(sic!), interessieren sich nur 
sechs bis sieben Prozent der Are 
na-Besucher bei der Buchung ihrer 
Eintrittskarten für die Besetzung. 
Hauptsache Aida, denkt sich der 
imaginäre "kleine Mann" als Kul 
turkonsumtrottel. Der letzte Schrei 
rtüTF 
Der blauäugige Kulturpolitiken gibt sich heutzutage gerne volksnah: 
"Wir werden dafür sorgen, daß gerade das Volk von jetzt ab wieder zum 
Richter über seine Kunst aufgerufen wird!" (Adolf H. beim Nürnberger 
Reichsparteitag 1933) Grafik: Rita Jörg-Moosbrugger 
KULTUR IM/UM-BRUCH 
ODER JEDERMANN 
FÜR J
	        

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