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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Bibliographic data

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Structure type:
Periodical
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Kultur
Subtitle:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Place of publication:
Dornbirn
Publisher:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Structure type:
Issue
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09
Year of publication:
1987-09-01
Information:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_09

Article

Structure type:
Article
Author:
Hagen, Günther
Title:
Elmar Grabherr und die Politik seiner "Vorarlberger Geschichte"
People involved:
Hagen, Günther

Contents

Table of contents

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09
  • Title page
  • Preface
  • Contents
  • Kultur Im/Um-Bruch oder Jedermann für Jedermann
  • Der Pfaffenspiegel ist trüb geworden
  • Eine Landesgalerie für sich - 3 Jahre Galerie Sigma
  • Harter Literaturweh-Bewerb
  • Gorbatschow macht's möglich
  • Blintimus Blinsky und die Unbedenklichkeit
  • Magazin
  • Reaktionen
  • Sprachrisse zu Ingo Springenschmids "Pattstellung"
  • Der literarische Beitrag: Otto Nachbauer - Rückzug
  • Elmar Grabherr und die Politik seiner "Vorarlberger Geschichte"

Full text

KULTUR 
23 
wurden), die bei entsprechender 
Erwartungshaltung rassistisch 
klingen, aber wohl weniger rassen 
biologische als vielmehr sozio- 
kulturelle Wurzeln einer Gesell 
schaft aufzeigen. (Sklave und Sla 
we haben leider den gleichen ethy- 
mologischen Ursprung, was nicht 
von Grabherrs Rassismus, sondern 
von der Kapitalbeschaffung durch 
Menschenhandel der fränkischen und 
sächsischen Adeligen herrührt). 
Was mich vielmehr wunderte, ist, 
daß niemand darauf kam, daß hier 
der autoritäre Elmar Grabherr ein 
antiautoritäres Buch geschrieben 
hat, also statt der üblichen Her- 
renmenschen-Geschichtsschreibung 
eine Anti-Herrengeschichte: Aus 
Heroen und "Mehrern des Reiches" 
werden machtgierige Blutsauger; 
aus "Ehre Guta", der Retterin von 
Bregenz vor den wilden Appenzel 
lerhorden , wird Guta, die Spionin 
für die süddeutschen Adeligen und 
Verräterin an den Vorarlberger 
Bauern; aus einem naiverweise oder 
in absichtlicher historischer Ver 
schleierung seit 300 Jahren als 
Märtyrer und Glaubenszeugen ver 
ehrten Hl. Fidelis wird ein urt- 
guter Geselle, der mit Habsburger 
Truppen reformierte Schweizer 
Bauern wieder katholisch machen 
will, und aus dem letzten öster 
reichischen Kaiser Karl, bei dem 
die Legendenbildung schon voll 
eingesetzt hat - siehe VN-Bericht 
über den Stand seines Seligspre 
chungsprozesses v. 14. Aug. 1987 - 
wird eine eher peinliche Figur, 
die sich nicht an Abmachungen hält 
(Schweizer Regierung) und in Husa 
renmanier versucht, wenigstens auf 
einem der Trümmer der Monarchie 
noch Chef zu bleiben. 
An die Stelle der in den Ge 
schichtsbüchern üblicherweise ver 
ehrten großen Herrscherfiguren 
treten bei ihm als sehnsuchtsvoll 
Geliebte die kleinen Bauern- und 
Bürgerrepubliken,der deutschrecht- 
lichen-genossenschaftlichen Tra 
ditionen (die von den Herrschern 
nicht ohne Eigennützigkeit durch 
römisch-rechtliche Institutionen 
ersetzt wurden) und die gegen 
Machtübergriffe aufbegehrenden 
Dissidenten (man lese z.B. das Ka 
pitel über Michael Gaismair, Seite 
105 ff). 
Diesem Buch und der offiziellen 
Habsburger-Geschichtsschreibung 
ist nur eines gemeinsam: Eine per 
fekte Schwarzweiß-Technik, die es 
dem Leser erleichtert,festzustel 
len, wo gut und wo böse ist. 
Natürlich muten diese hochgradige 
Empfindlichkeit gegen Übergriffe 
von oben und seine Sympathie für 
das einfache Volk, das sich dage 
gen wehrt, seltsam an, wenn man 
weiß, wie Elmar Grabherr, "der 
L.A.D.", selbst der Typus der au 
toritären Persönlichkeit war, 
nicht nur in der Führung der Beam 
tenhierarchie beim Land, sondern 
selbst noch im Freundeskreis der 
PRO VORARLBERG-Bewegung, in der er 
keine Vorliebe für langsame / demo 
kratische Entscheidungsprozesse, 
demokratische Abstimmungen oder 
den großen Dialog bekundete, son 
dern eher seinen primadonnenhaf- 
ten,wenn auch meist äußerst inter 
essanten Monolog bevorzugte. Es 
steht auch in großer Diskrepanz zu 
dem, was legistisch in den Jahren, 
als er LAD war, entworfen wurde an 
beinahe polizeistaatlichen Ermäch 
tigungen und Zensurbestimmungen im 
Lichtspielgesetz, im Beamtenent 
wurf des Jugendgesetzes (Haus 
durchsuchungen), im Sittenpolizei- 
und Sicherheitsgesetz,und es wirkt 
in der Abteilung Legistik bei den 
von ihm geprägten Beamten offen 
kundig noch bis heute nach, wenn 
man an den Beamtenentwurf des Ver 
anstaltungsgesetzes denkt. 
Typisch ist in diesem Zusammenhang 
eine Episode, die mir mit dem LAD 
passiert ist:Ich traf ihn im Stie 
genhaus des Alten Landhauses, 
als gerade das Lichtspielgesetz 
neu zur Diskussion stand,und hielt 
ihm vor, daß er die Bevölkerung 
bevormunden wolle. Er antwortete 
mit einer langen Suada, daß dies 
notwendig sei,und er endete damit, 
daß man dann ja die Straßenver 
kehrsordnung auch gleich abschaf 
fen könne, wenn man hier nichts 
regeln dürfe. Meine Antwort war 
kurz: Es würde ihm so passen, ne 
ben der Straßenverkehrsordnung 
auch noch eine Geschlechtsver 
kehr sordnung einzuführen. 
Dieser Widerspruch in der mensch 
lichen Existenz, die Kluft zwi 
schen Wunschvorstellung und Pra 
xis, machte ihn zu einer von vie 
len gehaßten, aber von jenen, die 
ihn näher kannten teils bewunder 
ten, teils liebevoll belächelten 
Persönlichkeit. Es fällt mir zur 
Erklärung kein besserer Vergleich 
ein, als jener des Sexualneuroti 
kers, der permanent von der sexu 
ellen Befreiung predigt, sie aber 
selbst nicht schafft. 
Hat nun Elmar Grabherr eine "rück 
wärts gewandte Utopie" der Vorarl 
berger Demokratie geschrieben, 
die, "reaktionär", den Minderwer 
tigkeitskomplex des vom Über-Ich 
dominierten Vorarlberger Kleinbür 
gers in alemannisches Selbstbe 
wußtsein hinaufjubeln soll ? Oder 
wollte er nicht vielmehr die 
habsburgisch, klerikal und obrig- 
keitsstaatlich bestimmten Ge 
schichtsklischees, die noch heute 
das Bewußtsein bestimmen, zerstö 
ren? 
Denkt man an die wöchentlichen 
Kommentare in den VN, die ein 
wichtigtuender bayrischer Abgeord 
neter zum Europaparlament namens 
Otto Habsburg den VN-Intellektue1- 
len als politische Vollwertkost 
verabreicht - vom Kasperletheater 
für Vorarlberg als "Kaiserschmar 
rn" bezeichnet -, so besteht 
durchaus eine Linie zwischen der 
früheren Habsburger Mentalität, 
wie sie der LAD beschreibt, und 
der ihrer heutigen Repräsentan 
ten, und es ist nicht unangebracht, 
darüber aufzuklären, nachdem sich 
ihre politischen Ambitionen immer 
mehr auf Österreich erstrecken. 
Kaiserlicher Hof und Adel wurden 
abgeschafft,stattdessen haben wir 
10.000 "Hofräthe" und Tausende von 
anderen Titeln und Privilegien - 
so subtil rächt sich die Monarchie. 
Immer noch finden alljährlich 
dreitägige Fidelisfeiem statt - 
ein Affront gegen die Versöhnung 
der Konfessionen, dienen sie heute 
wohl eher der Stärkung der neuen 
"Rechtsgläubigen" um die Bischöfe 
Krenn, Stickler, Ratzinger und 
Wojtila. 
Fazit: So unnötig ist dieses Buch 
also gar nicht, auch wenn wieder 
einmal mehr ein guter Lektor ge 
fehlt hat. 
Günther Hagen
	        

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