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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Bibliographic data

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Structure type:
Periodical
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Kultur
Subtitle:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Place of publication:
Dornbirn
Publisher:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Structure type:
Issue
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09
Year of publication:
1987-09-01
Information:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_09

Article

Structure type:
Article
Title:
Der literarische Beitrag: Otto Nachbauer - Rückzug

Contents

Table of contents

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-09
  • Title page
  • Preface
  • Contents
  • Kultur Im/Um-Bruch oder Jedermann für Jedermann
  • Der Pfaffenspiegel ist trüb geworden
  • Eine Landesgalerie für sich - 3 Jahre Galerie Sigma
  • Harter Literaturweh-Bewerb
  • Gorbatschow macht's möglich
  • Blintimus Blinsky und die Unbedenklichkeit
  • Magazin
  • Reaktionen
  • Sprachrisse zu Ingo Springenschmids "Pattstellung"
  • Der literarische Beitrag: Otto Nachbauer - Rückzug
  • Elmar Grabherr und die Politik seiner "Vorarlberger Geschichte"

Full text

KULTUR 
21 
was man daraus nun aber hätte fol 
gern können, den bösen rückfall in 
apathie, blieb aus. im gegenteil 
pendelte sich, unter staunen der 
ärzte, sein Überschuß an Zutrau 
lichkeit und sein zuwenig an ver 
ständigen alltagsinteresse binnen 
kurzem ein. auf jenes gelungene 
maß,das dort als riehtschnür dien 
te, um den patienten ins leben zu 
rück die türen zu öffnen, ins no- 
tizbuch hatte er dazu vermerkt: 
wie von selbst und doch nach 
plan. wähle schuheputzen als 
Zeitvertreib, entlarve zweitens: 
Wirkungen als Ursache, ferner un 
terscheide höchstens zwei färben, 
denn entlassungsschein hefte an 
den rockaufschlag und schäme 
dich, für alle ersichtlich, des 
stolzes, indem du dankbar nickst. 
in seiner firma hagelte es fort 
während weitere entlassungen. der 
pralinenschlecker hatte sich darum 
in sein postenloch einzementiert, 
zuallerletzt hätte der frisch ge 
heilte dorthin zurück wollen, er 
würde sich eine arbeit mit körper 
licher bewegung suchen, eine tä- 
tigkeit, die ihm keine himschmer- 
zen eintrug, luftig in den tag le 
ben und die münzen behende durch 
die finger gleiten lassen, kein 
geschwollener köpf schon im vorhin 
ein, sondern sehen, was da kommt, 
die Überraschung für seine lieben 
war gelungen, der brief trug den 
Poststempel einer kleinstadt. 
nicht nur richtungsmäßig der an- 
stalt entgegengesetzt! stürzte er 
sich ins verderben?! flugs bezahl 
ten sie das porto fürs Überge 
wicht. 
zuchtkakteen, selbständige häus- 
lichkeit! ihr lieben, es fällt 
schwer zu erzählen, denn wieder 
im leben, schluckt das tenpo die 
geschichten. ich fange dort an, 
wo der kranke aufhört: die zim- 
merwirtin schleicht, sie zer 
schlägt vasen, ich bediene die 
maschine wie ein feuerwerker, der 
blick aus der tür schießt bis zur 
brücke, Warnschilder wollen dros 
seln, ein straucheln mitten im 
bäckerladen. freilich, zu den be- 
wegungen kommt die list hinzu: 
sie erschlägt die vasen, um mich 
kehren zu sehen,die wäsche bügelt 
sie mir unmißverständlich, ich 
wußte kein anderes mittel zur ab- 
wehr, als die geschwindigkeit zu 
steigern, den elan aus der fabrik 
auch zu hause dröhnen zu lassen, 
und tatsächlich, sie ließ sich 
verunsichern! jetzt war die zeit 
für Sprüche: überall rasendes 
sterben und da verlangen einige 
nach ruhigen liebesgeburten! sie 
deutete mir, nicht zu verstehen, 
doch es wird genügen, denn der 
schlichtere hinweis ist die ver 
riegelte zimmertür. ihre schläue 
reicht, ihn zu enträtseln. 
nun fühlten sich die enpfänger, 
trotz jubel, verpflichtet, beson 
nen zu klären: unvermittelte ent 
lassungen freilich täglich in der 
zeitung, doch plötzliche genesung 
obendrein? erkennbar zwar sein 
wille zum fleiß, doch wirtin gar 
allzu leicht geschürzt, womöglich 
erläßt sie ihm den halben miet- 
zins. was jetzt fehlt, ist eine 
starke hand! 
in der tat war der gemeinte zu 
matt fürs Wachsein, suchte hilfe 
und fand sein heft. 
unselige sonntage. zu schläfrig, 
um zu entkommen, wecken mich erst 
die Stromstöße ihrer siegesfanfa- 
re. miteinander am bachufer ent 
lang ist noch kein über-die-brük- 
kenschwelle-tragen, tückische be 
schwicht igungen. soll ich krawall 
schlagen?das nähme sie als ernste 
aufforderung zur beschützung. 
dieses unverhohlene formulieren 
zeitigte kathartische wirkung.mon- 
tag früh betrat er die post ge 
löst. 
der frühling soll kommen,ihr lie 
ben, ich weiß es jetzt bestimmt, 
es kostet mich höchstens die 
angst, wenn ich mich fallenlasse, 
krankmachendes halsrecken nach 
Spiegelbildern! alles vergleichen 
über bord, wenn die ruhe überle 
ben soll, die kraft des urteils 
ist schon zu lang ein schwacher 
trost. 
am Schalter sang er: nimm mich, 
still summender weltknäul. die 
empfänger wußten: der winter trübt 
das gemüt zusätzlich, richtig, ein 
ausflug ins grüne, die melodie der 
natur. das schlimmste ist ausge 
standen. 
kaum angespomt, kam die nächste 
meldung: 
ihr klugen, war das tauziehen mit 
ihr noch ein mich-loßreisen, 
steckt hinter manchem stoßen 
schon ein sich-stützen. wir be- 
gegneten einem betrunkenen.er war 
barfuß und wollte von uns die 
richtung nach paris. paris, die 
fröhliche, Vorsicht, das könnte 
eine beschimpfung sein! aber 
nein, es ist und bleibt ein 
schmerz, sagte ich. der mann 
kippte in die büsche. es scheint, 
als seien wir zwei verschiedenen 
hälften schon fast ein ganzes. 
die empfänger waren gerührt, wie 
sehr er auf uns hört, den alkohol 
meidet er. sie gibt sehr acht, ist 
doch ein besserer Charakter, als 
vorsichtshalber angenommen, 
die folgenden anmerkungen ließ er 
undatiert: 
ihr reden im schlaf: eins uns al 
lein, deine ränder.vieles bleibt 
unverständlich. 
ihre unbeholfenheit mir gegen 
über: sie stärkt den erkundungs 
mut. runde schultern, die ich mir 
einverleibe, zupfe wimperhärchen 
und lecke leberflecken, so gren 
zenlos zöge ich leicht durch alle 
herzen. 
wir waren unterwegs, taschen und 
brote. ins abteil leuchtete der 
mond. das gehört uns, kein zwei 
fei, sagte sie. wenn wir selber 
nicht teilbar wären, dachte ich. 
es wird mir gutgehen, meine lie 
ben. (diese zeile schrieb er dop 
pelt. die brieffassung wurde ih 
nen von polizeibeamten zuge 
stellt.) 
der heiße sonmer eine kühle bri- 
se. dösend auf der leeren wiese 
zwischen himnel und erde, kein 
hartes erwachen mit ihrem weichen 
gras im rücken, unter herbstblät- 
tem die glieder verstreut, und 
schnee kann fallen.. 
das war der letzte heftvermerk. 
irgendwann danach erfuhren die 
lieben vom spurlosen verschwinden, 
das hatten sie allerdings fast 
schon im voraus geahnt.
	        

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