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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-08

Bibliografische Daten

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-08

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Kultur
Untertitel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Publikationsort:
Dornbirn
Verlag:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Strukturtyp:
Ausgabe
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-08
Veröffentlichungsjahr:
1987-08-01

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_08

Artikel

Strukturtyp:
Artikel
Titel:
Der literarische Beitrag: Wolfgang Hermann - Die Minimale Welt

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-08
  • Titelseite
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Interview mit Landesrat Dr. Guntram Lins
  • Ich bin noch immer Dalinist
  • Cicerone der Conditio Humana oder: Das Belichten der Lage
  • Magazin
  • Mundtot
  • Der literarische Beitrag: Wolfgang Hermann - Die Minimale Welt
  • Blintimus Blinsky mit den Schwarzen bei den Schwarzen
  • Konservative Kunst: 14 Tage lang präsentieren 14 Künstler
  • Die vorletzte Seite

Volltext

KULTUR 
19 
andunkelt. Auf einer Bank am Ende 
der Stadt öffnet ein Mann die fri 
sche Zeitung. Ohne Ziel streifen 
Mörder durch die Stadt. 
Die Nacht 
Auf dem Dach des Zinshauses stehen 
die Kamine wie Zähne im Mund eines 
Riesen. Es gibt größere und klei 
nere Zähne. Jeder zweite fehlt. Es 
sind die Zähne eines alten Riesen: 
das sagen die Lücken zwischen den 
Zähnen. Vor dem Zinshaus, auf dem 
Balkon, der scharfe Umriß einer 
Pflanze (es ist eine Geranie). In 
einem der Fenster des unteren 
Stockwerks des Zinshauses brennt 
Licht. Der Hof des Kindergartens 
ist von zwei Neonlatemen erleuch 
tet. Die Schatten der Kinderschau 
kel und der Rutschbahn sind an die 
Wand eines der umliegenden Häuser 
projiziert. Auf dem Gelände des 
Flughafens ist alles still. Aus 
einer der umliegenden Wohnungen 
dringt das gleichmäßige Rasseln 
eines Schlafenden. Ein leiser Wind 
reibt die Blätter der Birken hin 
ter dem Haus aneinander. Die Wol 
ken auf dem von der umliegenden 
Stadt erleuchteten Himmel ähneln 
dem Fell einer Tigerkatze. Ein 
Windstoß trägt von der Stadtauto 
bahn das Signal eines Rettungswa 
gens herbei. Die Wüste ist ein 
Saitenspiel. 
Wache 
An einem günstigen Kontrollpunkt 
wird ein Wachturm stehen. Kontrol 
liert werden die ausbleibenden 
Fluchtversuche von einem Staat zum 
anderen. Nun fügt es sich, daß der 
Ort des Wachturms nahe dem Wende 
punkt von Bootsfahrten durch die 
Kanäle der Stadt liegt. Zwei Kanä 
le vereinigen sich dort zu einem 
kleinen dreiecksförmigen See. Raum 
genug für die Ausflugsschiffe zum 
Wenden. Das Wachpersonal des ande 
ren Staates hat einige Minuten 
Zeit, die Gesichter der Fahrgäste 
zu nützen. 
Unweit vom Wachturm steht ein höl 
zernes Podest, von dem manche in 
die andere Staatsform blicken. Sie 
müssen sich die Musterung durch 
die Fernrohre gefallen lassen. Der 
Nutzen, den das Wachpersonal aus 
den Gesichtem zieht, ist die Ge 
bühr, die diese für das Privileg 
ihres Blickes entrichten. 
Der Zug 
Um die Mittagsstunde fährt ein 
Säuseln in den Wald, die Wände der 
Häuser kehren sich einander zu, 
jemand wartet. Was auf den Wiesen 
wächst, geht für einen Augenblick 
zugrunde. Die Fäden einer Spindel 
sind gelegt schnurgerade durch das 
Tal. Es legt sich ein Mensch auf 
sie, der ist biegsam. An Kopf und 
Bauch trägt er Fenster. Jedes von 
ihnen steht, und doch ist keine 
Ruhe. Hinter den Fenstern atmen 
kleine Wesen. Sie zeichnen sich 
untereinander aus durch das Tragen 
von präzisen Messinstrumenten. Je 
des der Wesen ist in jedem Augen 
blick versammelt. Bei Sonnenunter 
gang mißt jedes von ihnen seinen 
Zeigerstand. Jedes Wesen trägt 
einen Namen. Wie die Verschiebung 
ihrer Körper von einem Ort an ei 
nen anderen geschieht, wissen sie 
nicht. 
Die minimale Welt 
Wenige Tage erst bin ich in der 
fremden Stadt. Ich verfüge über 
ein ausgedehntes Netz von gläser 
nen Fäden, über deren Art und Ver 
knüpfung mich eine Reihe von Ver 
trauten Tag für Tag unterrichten. 
Die winzigen Glasfäden bündeln 
sich an mehreren Orten. Die mögli 
chen Orte sind: Neunkirchen, Helm 
stedt, Borgholm, Berlin. Berührt 
eine Person einen der Fäden am an 
deren Ende der Welt, so verspüre 
ich Stunden später das leise Zit 
tern in den Kästchen von Glas. 
Die Teekanne 
Sie hat ein bauchiges Unterteil, 
was ihre Gemütlichkeit bedingt. 
Von vorne sieht sie aus wie eine 
dicke Dampflokomotive, die schnel 
le Fahrt macht. Wer sie von hinten 
sieht, ist verlegen. Ihr dickes 
Hinterteil mit dem Griff in seiner 
Mitte vertreibt unscharfe Gedan 
ken. Die Unförmigkeit des Deckels, 
den sie auf dem Kopf trägt, hat 
etwas von der Mischung zwischen 
einer Barockkuppel und dem Deckel 
eines Zweiliterbierglases. Dreht 
man die Kanne seitwärts, ist man 
versucht ihr anzuraten den Bauch 
einzuziehen, damit er nicht über 
den . unverhältnismäßig kleinen 
Schnabel ragt. Besieht man sie 
noch einmal von vom, beginnt man 
unweigerlich sie ihrer Unförmig 
keit wegen zu lieben. Das Loch an 
der Oberseite des Schnabels ist 
ihr etwas zu groß geraten. Kommt 
man ihr zu nahe, befürchtet man, 
durch es in ihren geräumigen 
schwarzen Bauch zu fallen, oder 
aber kleine Wesen aus dem Bauchin 
neren an den Schnabelrand zu lok- 
ken. An der Spitze ihres Deckels 
trägt sie aus reiner Freundlich 
keit einen großen Knopf, der sei 
nerseits einen kleinen Höcker 
trägt. An diesen Knopf will ihr 
Deckel nach oben gezogen werden. 
Der Griff an ihrer Hinterseite 
bildet die Form des St. Nikolaus- 
Stabes. Eine Teekanne steht in der 
Wohnung eines Freundes. 
Kaffee 
Mit zugegossenem Wasser bläht er 
sich, nimmt, während das Wasser 
absinkt, die Gestalt der heißen 
Quellen an. Ist der letzte Wasser 
tropfen durch ihn hindurchgegan 
gen, beugen sich seine Ränder nach 
innen und bilden große Schluchten. 
Das ist der Augenblick, da in ihn 
die noch ausstehende Geschichte 
des Tages gelesen werden kann. 
Manteltragen 
Es ist wohl kalt. Wer an der Ecke 
steht, ist ein fliegender Hand 
schuh. In seinem Leib trägt er die 
Ungeschütztheit eines nicht be 
griffenen Schwerpunkts. Um nicht 
zur Seite zu kippen, gibt es das 
Gewicht eines Mantels. Der Mantel 
ernährt die Nase mit den Gerüchen 
von Personen, die lange in der Nä 
he blieben, er ernährt den Mund 
mit seinem Kragen. Diesen Winter 
noch wird nichts geschehen. 
Die Blumen 
Das Haus, in dem die alte Frau ei 
ne kleine Wohnung bewohnt, wird 
neu gestrichen. Das Gerüst steht 
schon, und die Arbeiter rufen ein 
ander von den verschiedenen Etagen 
zu. Die alte Frau steht auf dem 
Balkon und knickt unter den Blik- 
ken der Arbeiter die Stiele ihrer 
Blumen. Sie werden ja doch alle 
umkommen, sagt der Vorarbeiter auf 
der Straße mit dem Kopf im Nacken. 
Die Hände der alten Frau arbeiten
	        

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