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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-06

Bibliographic data

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-06

Structure type:
Periodical
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Kultur
Subtitle:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Place of publication:
Dornbirn
Publisher:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Structure type:
Issue
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-06
Year of publication:
1987-06-01

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_06

Article

Structure type:
Article
Title:
Interview mit Sarah Kirsch

Contents

Table of contents

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-06
  • Title page
  • Contents
  • Fremdenverkehr - befremdlich verkehrt
  • Allgemeine Anmerkungen zur Veränderung der Volks-Kultur durch den Massentourismus
  • Ing. mit Mag. Sieghard Paier
  • Landesgalerie: Keiner weiss was, das dafür aber ganz genau
  • Blintimus Blinsky läßt aufheulen
  • "Waldheim ist ein Gottesbeweis...."
  • Nachruf auf den Cineclub Zoom oder die Macht der Multinationalen Verleiher und die Ohnmacht der Provinzkinos
  • Neue Dornbirn-Publikationen
  • Kein Denkmal für Sisyphus errichten
  • Platentips: Tödliche Waffen!
  • Reaktionen
  • Interview mit Sarah Kirsch
  • Filmnotizen
  • Der literarische Beitrag: Florentine Stock "Berliner Zeiten"
  • Magazin

Full text

36 
KULTUR 
einer alten Universitätsstadt, wo 
nichts zerstört war, in Halle habe 
ich studiert. 
Danach lernte ich Leute kennen, 
die schrieben, und es gab in Halle 
eine Arbeitsgemeinschaft junger 
Autoren, das war eine Art Volonta- 
riat für Leute, die später mal in 
den Schriftstellerverband eintre- 
ten wollten. Der Mann von Christa 
Wolf, Gerhard Wolf, leitete das in 
Halle, und die Freunde,die Gedich 
te schrieben und die ich nun kann 
te, die animierten mich eigentlich, 
das auch mal zu versuchen. Hätte 
ich Germanistik studiert, hätte 
ich vielleicht zuviel Hochachtung 
vor allem Geschriebenen gehabt, 
sodaß ich gar nicht selbst ange 
fangen hätte. So war das aber et 
was niedriger gehalten. Ich hatte 
zwar auch, ich hab immer Gedichte 
gelesen, und es gab auch den Ech 
termann und solche Gedichtantholo 
gien bei mir zu Hause, aber es war 
doch ein ganz normaler Umgang für 
mich mit dieser Materie, sodaß ich 
dann eben anfing, auch solche Ge 
dichte zu schreiben. 
Gerhard Wolf leitete die Arbeits 
gemeinschaft, und da war es daran 
schon früh so, daß man was lernen 
konnte, weil er nicht diese ganze 
Agitpropmasche mitmachte und sag 
te, daß wir erst mal bei den klei 
nen Gegenständen anfangen sollten 
und nicht gleich die große Weltre- 
volution. Dann wurden eben Gedich 
te über den Salznapf geschrieben, 
das war richtig so eine Phase der 
Gedichte der kleinen Gegenstände, 
und das war sehr gut. Da wurden 
die Gedichte besprochen einmal im 
Monat, und es gab auch Vorträge 
von Germanisten oder anderen Wis 
senschaftlern, und die eigenen 
Texte wurden so zerrupft, daß man 
als Anfänger mit den Tränen kämp 
fen mußte. Daraus hat man nachher 
halt ein bißchen gelernt. Dann bin 
ich später noch auf das Literatur 
institut gegangen, das in Leipzig 
vom Schriftstellerverband und der 
Partei errichtet worden ist, um 
für den sozialistischen Realismus 
immer Nachschub zu haben. 
Fi Da haben Sie dann ja Schwierig 
keiten bekamen? 
Kirsch: Ja, ja das konnte man im 
mer. Also, ich hab dann kein Di- 
plom gekriegt und so. 
F: Sie haben sich damals für den 
Wolf Biermann eingesetzt. 
Kirsch: Helga Novak war's damals 
und so. Aber es hatte auch gute 
Seiten, daß man in Ruhe viel lesen 
konnte und daß es da eine Biblio 
thek gab mit Büchern,die es damals 
in der DDR nicht in Buchhandlungen 
zu erwerben gab und auch nicht in 
den Leihbüchereien, daß man eben 
Camus und so etwas einfach lesen 
konnte und ein bißchen sich über 
haupt erst mal vertraut machte mit 
dem, was es auch im Westen gab. 
Auch daß man ein wirklich ausrei 
chendes Stipendium hatte und nicht 
nur nebenbei schrieb und sonst 
seine Brötchen verdienen mußte, 
daß man wirklich Zeit hatte, zwei 
Jahre lang, das war ganz gut, wenn 
es dann auch nachher Reibereien 
und auch furchtbare Vorlesungen 
gab, mit denen man nicht viel an 
fangen konnte. Es gehörte auch 
noch ein Praktikum dazu: Ich hab 
zum Beispiel eins in einer Zeitung 
gemacht, wo ich alles vom Layout 
bis zur Reportage mir mal ansehen 
konnte, und das war sehr gut. In 
der DDR war auch noch schön, so 
als Ableger vom Bitterfelder Weg, 
daß die Schriftsteller zu den Ar 
beitern gehen sollten, was ja von 
der Grundidee her auch gar nicht 
schlecht ist. Da war ich in zwei 
Betrieben, einmal in einem Gieße 
reibetrieb, und das möchte ich bis 
heute nicht missen. Das war genau 
so wichtig eigentlich wie eine 
Universität, nur war das in einer 
Phase, wo man nicht verlangte, daß 
ich nun über diesen Betrieb einen 
Roman schreibe. Ich brauchte da 
nur hinzugehen und hab später so 
kleine Sachen einfach geschrieben, 
daß man weiß, wie es in so einer 
Gießerei riecht, wie die Form aus 
Formsand hergestellt wird, also 
so was, daß ich das wußte, daß ist 
ganz schön, wenn man sich das für 
irgendein Material eben so ein 
bißchen vorstellen kann. Dann war 
ich noch einmal in einer landwirt 
schaftlichen Produktionsgenossen 
schaft, da war ich sogar ein Jahr 
lang Mitglied, und sollte da ein 
bißchen Kulturarbeit machen, aber 
das war sehr schwer. Wir haben da 
für die Jugendlichen auf dem Dorf 
eine Art Tanzstunde gemacht, weil 
es für die überhaupt nichts gab, 
da gab es keine Kneipen, weil die 
Gastwirte, die hauten immer mit 
der Kasse in den Westen ab und - 
ach es war so eine Zeit, wo alle 
Leute abhauten, die Bauern, es war 
eigentlich traurig auf so einem 
Dorf, und für die paar Hinterblie 
benen haben wir dann da so ein 
bißchen Tanzstunde gemacht, damit 
da überhaupt was los war. Na ja, 
das war eben ganz interessant, und 
daß ich aus der DDR komme und dort 
auf gewachsen bin, wie gesagt wegen 
des schönen Unterrichts in Politik 
und so und auch der Anschauung we 
gen finde ich das - könnte mir 
keine bessere Biographie eigent 
lich denken. 
L: Aber Sie leben jetzt seit eini 
gen Jahren in einem kleinen Dorf 
in Schleswig-Holstein,und da möch 
te ich anknüpfen an Stifter, den 
sie vorher genannt haben, und auch 
an die Art, wie ihre Gedichte oft 
verstanden werden und wurden; in 
dem Zusammenhang wird oft das Wort 
Idylle genannt. Sind Ihre Gedichte 
Idyllen oder könnt da etwas durch, 
was z.B. Gerd Ueding in einer Re 
zension Ihres "Erdreich" geschrie- 
Interview mdi 
ben hat: "Alice im Schreckens 
land"? Das bezieht sich zwar auf 
eine Amerikareise, meint aber die 
sen doppelten Blick, den man bei 
Ihnen findet, den Blick auch für 
das Schreckliche. 
Kirsch: Ja, mit der Idylle ist es 
so, daß es sie eigentlich nicht
	        

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