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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-03

Bibliographic data

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-03

Structure type:
Periodical
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Kultur
Subtitle:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Place of publication:
Dornbirn
Publisher:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Structure type:
Issue
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-03
Year of publication:
1987-03-01
Information:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-03

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_03

Article

Structure type:
Article
Author:
Längle, Ulrike
Title:
Der literarische Beitrag: Der Baalschem von Michelstadt
People involved:
Längle, Ulrike

Contents

Table of contents

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-03
  • Title page
  • Fürstentum Liechtenstein - eine Begegnung der dritten Art!
  • Contents
  • Das Liechtensteinische Landesmuseum
  • Die Liechtensteinische Musikschule
  • XVII. Internationale Meisterkurse
  • Die neue Eigenproduktion des TAK.SEAN O'CASEY: Das Ende vom Anfang
  • Chronologie einer politischen Enttäuschung
  • Alemannia non Cantat
  • Aufstand der Kulturen
  • Dornbirner STATT Geschichten
  • Blintismus Blinsky: Ein waschechter Vorarlberger
  • Magazin
  • TfV - Schwerpunkt Nationalsozialismus
  • Reaktionen
  • Der literarische Beitrag: Der Baalschem von Michelstadt
  • Angst, Antrieb & Hemmung
  • ÖIE: Entwicklungspolitische Hcohschulwochen 1987 Entwicklung - Rüstung - Frieden
  • Jeunesse Bludenz
  • Die vorletzte Seite

Full text

ü 
I^Labbi Seligmarm nahm Platz und be 
gann, von der herzlichen Gastlich 
keit und Nachsicht seines Wirtes 
ermutigt, mit folgender Erzählung: 
"Es war einige Tage nach Purim des 
Jahres 5590 (1830), als ich den 
Rabbi des Morgens bei Durchsicht 
der soeben eingetroffenen grossen 
Post traf. Als er alle Briefe 
durchgelesen hatte , nahm er einen 
heraus, stellte sich damit ans 
Fenster und las ihn noch einmal. 
Dann sagte er zu mir: "Es wäre mir 
lieb, wenn Ihr dieses Jahr nicht 
wie sonst nach Pesach, sondern 
schon vorher Euere Reise macht und 
mich mitnehmt! Ihr geht doch jetzt 
ins Badische und kommt bis Kon 
stanz. Dann müsst Ihr mit mir noch 
ein Stück weiter nach Dornbirn in 
Tirol, dort habe ich etwas Dring 
liches zu tun, und Ihr sollt mir 
dabei behilflich sein. Ob ich auf 
Pesach wieder zu Hause bin, ist 
noch zweifelhaft, denn ich muss am 
ersten christlichen Osterfeiertag 
in Dornbirn sein. Um es kurz zu 
erzählen —" 
"Nein, Rabbi Selignann", unter 
brach ihn Signore Manasse. "Kurz 
sollt Ihr's nicht erzählen, son 
dern so ausführlich, wie es Euch 
erinnerlich ist, und nun entschul 
digt, dass ich Euch unterbrochen 
habe und erzählt weiter." 
"Wir reisten bald ab und kamen am 
Freitag vor Ostern in Dornbirn an. 
Dort durften keine Juden wohnen, 
wie in ganz Tirol, mit Ausnahme 
einer einzigen Familie, der es 
durch eine besondere Vergünstigung 
gestattet war. Bei dieser Familie 
fuhren wir vor, wurden aber sehr 
schlecht empfangen. Die Leute wa 
ren wohl brav und fromm, aber sie 
sagten, sie setzen sich der gröss- 
ten Lebensgefahr aus, wenn sie 
jetzt jüdische Gäste aufnehmen. 
Sonntag sei eine große Prozession, 
zu der extra der Bischof von Feld 
kirch hierherkomme, ümd das Hochamt 
zu zelebrieren. Ihr Haus war gerade 
vor dem errichteten Altar am 
Marktplatz, seit einigen Tagen 
strömte schon in grossen Massen, 
die Landbevölkerung herbei. Sie 
selber dürften sich an diesen Ta 
gen kaum auf der Strasse blicken 
lassen, wenn aber gar noch andere 
Juden am Ort wären, so könnten sie 
die Folgen nicht verantworten. Der 
Rabbi mit seinem langen Rock und 
grossem Bart Sei besonders geeig 
net, die Aufmerksamkeit der um 
diese Zeit besonders leicht erreg 
ten Bevölkerung auf sich zu zie 
hen. Sie baten und beschworen uns 
daher in unseren und ihren Inter 
esse Dornbirn sofort zu verlassen. 
Der Rabbi versprach ihnen zu 
nächst, sich nicht auf der Strasse 
blicken zu lassen und auch im Lau 
fe des Sonntags wieder abzureisen; 
aber über Schabbos bitte er für 
sich und für mich um ihre Gast 
freundschaft, die ihm dann auch 
gewährt wurde. 
Am Sonntag morgen standen wir, der 
Rabbi, ich und die ganze Familie 
unseres Wirts, hinter den ge 
schlossenen Fensterläden und be 
obachteten die wogende Menschen 
menge, die von Minute zu Minute 
immer mehr anschwoll, bis gegen 
zehn Uhr der Bischof selber ange 
fahren kam. Vor dem Marktplatz 
verliess er in vollem Ornat seine 
Karosse, um auf dam abgesperrten, 
mit Blumen bestreuten Wege zu dem 
Hochaltar hinzuschreiten. Da sagte 
leise der Baal-Schem zu mir: "Geht 
hinunter und seht zu, dass Ihr an 
den Bischof herankommt, bevor er 
die Stufen des Altars betritt und 
sagt ihn, ohne dass es ein anderer 
hört: Rabbi Seckel Löb von Michel 
stadt sei hier und wolle ihn so 
fort sprechen." 
Ich starrte den Meister einen Au 
genblick starr an. Ein Jude, der 
sich in dieser Menschenmenge an 
den Bischof herandrängte, war ver 
loren. Aber ich wusste, daß ich 
nichts zu riskieren hatte, wenn 
ich im Dienste des Rabbi handle. 
Ohne unseren Wirtsleuten ein Wort 
zu sagen, verließ ich das Zimmer, 
drängte mich verzweifelt durch die 
Masse und hatte den Bischof er 
reicht , als er eben den Fuss auf 
die erste Stufe setzte. Leise 
richtete ich meinen Auftrag aus, 
den die Umstehenden wohl für eine 
Bitte um Segen hielten. Aber der 
Bischof hatte mich verstanden. Ich 
sah, wie er sich verfärbte, und 
die Gesichtsmuskeln zu zucken an 
fingen. Er legte seine Hand auf 
mein Haupt und sagte leise: "In 
einer halben Stunde bin ich beim 
Rabbi, sobald ich das Hochamt ze 
lebriert habe." 
Flugs eilte ich zurück, um meinen 
Auftrag auszurichten.Der Menschen 
knäuel öffnete sich ehrerbietig 
vor mir, da er gesehen hatte, wie 
ich durch den bischöflichen Segen 
ausgezeichnet worden war. Unsere 
Wirtsleute, die alles hinter ihren 
Fensterläden gesehen hatten, hiel 
ten mich für wahnsinnig und wurden 
in ihrem Glauben noch bestärkt, 
als sie die Botschaft hörten, die 
ich dem Rabbi zu bringen hatte. 
Dieser runzelte aber die Stirne 
und sagte: "Ihr müsst rasch noch 
einmal hin und ihm sagen, dass ich 
ihn sofort erwarte und dass keine 
Minute zu verlieren sei". Zum 
zweitenmal eilte ich die Treppe 
hinab, stürzte mich in die Menge, 
drängte mich zur Empore vor, auf 
deren Höhe der Bischof bereits 
stand. Dieser gewahrte mich so 
fort, näherte sich mir in urmerk- 
licher Weise, liess sein Brevier 
aus der Hand fallen, das ich auf 
hob und ihm mit den Worten reich 
te: "Sofort, jede Minute Verzug 
bedeutet eine Gefahr!" 
Darauf sagte der Bischof einem ne 
ben ihm stehenden höheren Kirchen 
fürsten, er fühle sich nicht ganz 
wohl und müsse sich auf einige 
Zeit zurückziehen, er möge nur das 
Hochamt leiten und sofort das Te 
Deum anstimmen lassen, damit er 
sich ohne allgemeine Aufmerksam 
keit entfernen könne; in Feldkirch 
würden sie sich wiedertreffen, er 
fahre direkt zurück. In Wirklich 
keit aber folgte er mir durch die 
Menge, die begeistert in das Lied 
einstimmte und darin so aufzugehen 
schien, dass sie uns nur geringe 
Aufmerksamkeit schenkte. Wir er 
reichten unser Haus in wenigen Mi 
nuten. Der Rabbi erbat sich von 
den Hausleuten ein besonderes Zim 
mer, um ungestört mit dem Bischof 
sprechen zu können, was ihm sofort 
angewiesen wurde. Zwei Stunden 
dauerte die Besprechung. Das Hoch 
amt war längst zu Ende und die 
Menge hatte sich verlaufen. Der 
Rabbi liess dann unsem Wagen Vor 
fahren, wir fuhren fort, und der 
Bischof fuhr in seiner Karosse 
nach Feldkirch zurück. Was die 
beiden miteinander verhandelt ha 
ben, weiss ich nicht. Oft habe ich 
in späteren Jahren gehofft, der 
Rabbi werde mir ein aufklärendes 
Wort darüber sagen. Es ist aber 
nicht geschehen. Dass ein grosses 
Geheimnis dahinter steckt, ist ia 
sicher, aber da ich nur Wahres er 
zähle, so muß ich die Erzählung 
hier schliessen, wo sie am inter 
essantesten ist, denn mehr weiß 
ich selber nicht." 
Da erhob sich Guiseppe Manasse,
	        

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