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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02

Bibliografische Daten

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Kultur
Untertitel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Publikationsort:
Dornbirn
Verlag:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Strukturtyp:
Ausgabe
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02
Veröffentlichungsjahr:
1987-02-01

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_02

Artikel

Strukturtyp:
Artikel
Titel:
Deutsch perfeckt

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02
  • Titelseite
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Interview: Bernhard Amann zur Jugendhaus-Szene
  • Zolltarif Nummer 12.07 B 1
  • Aus meiner Sicht, die Baubehörden und das bauen
  • Plattentips: Die Platte des Jahres 1987
  • Die Menschwerdung des Magisters Dorn
  • Paradigma der Kindheit
  • Interview mit Paul Flieder
  • Der literarische Beitrag: Unternehmen Wursthaut
  • Deutsch perfeckt
  • Interview: Alex Freihart ("Die Wildente") und Reinhold Schillinger ("Das Nest")
  • Filmnotizen
  • Mythos & Wirklichkeit
  • Reaktionen
  • Blintimus Blinsky im rabel
  • Die vorletzte Seite

Volltext

Zwischen 12. und 20.3. wird das Kabarettprogramm 
des 1952 in Istanbul geborenen, jetzt in Freiburg 
lebenden Sedat Pamuk insgesamt neunmal in Vorarl 
berg zu sehen sein. (Toumeeplan siehe Seite 45). 
Er studierte in der Türkei Philosophie und Psy 
chologie und war an verschiedenen Theatern als 
Schauspieler tätig. Seit 1980 lebt und studiert 
er in Deutschland, produzierte 1985 sein erstes 
Theaterstück "Wird Ayse in die Schule gehen?" und 
ist seit einem Jahr mit seinem ersten kabaretti 
stischen Soloprogramm "Deutsch perfeckt" unter 
wegs. 
KULTUR: Sie wenden sich ja in er 
ster Linie an die Deutschen, hegen 
sie pädagogische Absichten? 
PAMUK: Nicht vordergründig, aber 
ich will den Deutschen zeigen, 
daß die Situation der Türken ganz 
anders ist, als sie glauben. Wenn 
man aus der Türkei heraufkommt, 
ist alles sehr fremd, man muß sich 
daran erst gewöhnen. Das bringt 
natürlich Probleme mit sich, und 
ich will zeigen - aus der Sicht 
des Türken in Deutschland -, was 
und wie ich das erlebt habe. 
KULTUR: Vermutlich geht's dabei 
um die Toleranz. 
PAMUK: Es geht darum, die Men 
schen aufzuklären, damit sie ver 
stehen, was wir empfinden. Wenn 
das Verständnis da ist, dann ist 
es auch mit der Toleranz einfa 
cher. Es gibt viele Leute, die 
guten Willens sind aber so sehr 
ihrem Kulturkreis verbunden sind, 
daß sie einfach nicht darüber hi- 
nauskommen. Guter Wille allein 
reicht aber nicht. 
KULTUR: Meinen Sie damit das Pro 
blem der Integration? 
PAMUK: Ich bin gegen eine falsche 
Form der Integration, die zu Iden- 
titätsverlust führt. In meinem 
Programm geht es nur um Erwachse 
ne, bei Kindern - die vor allem 
auch in der Schule mit Schwierig 
keiten zu kämpfen haben - sieht 
die Problematik natürlich wieder 
ganz anders aus. Aber wenn jemand 
25 Jahre lang in der Türkei gelebt 
hat und dann als Gastarbeiter nach 
Deutschland kommt, was soll er ma 
chen? Er kann sich sofort anpassen 
- wie es sich viele wünschen -, 
aber das ist sicherlich nur ober 
flächlich, das kann er nicht ver 
dauen. Integration ist ja über 
haupt ein vielgebrauchter Begriff, 
der nirgends klar definiert ist. 
Wo soll ich mich denn zum Beispiel 
integrieren: an der Uni, bei den 
Grünen, in der Fabrik, als Lehrer? 
Meist hat man ohnehin ja nur in 
der Fabrik eine Chance, da sonst 
die Sprachsehwierigkeiten zu groß 
sind, die Bildung fehlt, usw. Au 
ßerdem hat die deutsche Gesell 
schaft auch ihre Fehler: die Be 
ziehungen zwischen den Menschen 
und Generationen sind teilweise 
krank. Soll ich mich integrieren 
und meine Matter auch ins Alters 
heim schicken? Soll ich mich inte 
grieren und die Fehler der Konsum 
gesellschaft annehmen? Für mich 
heißt Integration, daß ich mein 
Selbstverständnis als Türke bewußt 
behalte, auch wenn ich die deut 
sche Sprache lerne, um in dieser 
Gesellschaft leben zu können. Da 
bei ändere ich mich ohnehin auto 
matisch. 
KULTUR: Eine große Rolle in die 
sem ganzen Problemkreis spielt ja 
die Sprache. 
PAMUK: Es heißt immer, erst mußt 
du die Sprache lernen, dann kannst 
du dich in die Gesellschaft inte 
grieren und dann hast du auch 
Chancen. Ich kenne aber genug Tür 
ken, die Deutsch fast so gut be 
herrschen wie ihre Muttersprache 
und dennoch keine Chance haben. 
Aber es stimmt schon, die Sprache 
ist der erste Schritt. Viele mei 
nen aber, sie sei alles - das ist 
eine Lüge, ein Selbstbetrug. 
KULTUR: Gerade in Deutschland 
steht ja die Ausländerpolitik 
sehr im Kreuzfeuer, und es macht 
sich auch verstärkt wieder eine 
Ausländerfeindlichkeit bemerkbar. 
PAMUK: Das Ausländergesetz stellt 
die Gastarbeiter immer schlechter. 
Wir dürfen beispielsweise keine 
Kinder über 16 nachholen, oder 
wenn ein Mann in der Türkei eine 
Frau heiratet, muß er drei Jahre 
lang warten, bis sie nach Deutsche 
land kommen darf. Andrerseits muß 
man hier für jedes Kind - auch 
wenn es in der Türkei lebt - 12 m2 
Wohnung nachweisen. Es herrscht 
auch immer wieder Angst und Unsi 
cherheit, weil man sehr leicht 
ausgewiesen werden kann, da vieles 
im Ermessen der Behörden liegt. 
Die Gesetze sind in alle Richtun 
gen auslegbar, es gibt immer wie 
der Rechtsunsicherheiten. 
KULTUR: Sind Sie also eher pessi 
mistisch, was ein menschenwürdiges 
Zusammenleben betrifft? 
PAMUK: Ich muß optimistisch blei 
ben. Wenn wir das Wahlrecht haben 
- wie dies etwa in Schweden oder 
Holland schon praktiziert wird -, 
dann muß man auch auf unsere In 
teressen Rücksicht nehmen. Und das 
Wahlrecht wird zumindest auf kom 
munaler Ebene sicherlich in abseh 
barer Zeit eingeführt werden - es 
gibt ja bereits in vielen Städten 
Ausländerbeiräte, die aber nür ei 
ne beratende Funktion und kein 
Stimmrecht haben. Das ist doch im 
merhin schon ein Anfang. Ich wün 
sche mir ein Zusammenleben auf Ba 
sis einer Gleichberechtigung, in 
deren Rahmen ich meine Identität, 
meinen Paß und meine Staatsangehö 
rigkeit behalten darf. Ganz abge 
sehen davon, daß es ja auch nur 
drei oder vier Prozent aller An 
tragssteller gelingt, die deutsche 
Staatsbürgerschaft wirklich zu er 
halten. 
KULTUR: Danke für das Gespräch.
	        

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