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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02

Bibliografische Daten

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Kultur
Untertitel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Publikationsort:
Dornbirn
Verlag:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Strukturtyp:
Ausgabe
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02
Veröffentlichungsjahr:
1987-02-01

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_02

Artikel

Strukturtyp:
Artikel
Titel:
Der literarische Beitrag: Unternehmen Wursthaut

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02
  • Titelseite
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Interview: Bernhard Amann zur Jugendhaus-Szene
  • Zolltarif Nummer 12.07 B 1
  • Aus meiner Sicht, die Baubehörden und das bauen
  • Plattentips: Die Platte des Jahres 1987
  • Die Menschwerdung des Magisters Dorn
  • Paradigma der Kindheit
  • Interview mit Paul Flieder
  • Der literarische Beitrag: Unternehmen Wursthaut
  • Deutsch perfeckt
  • Interview: Alex Freihart ("Die Wildente") und Reinhold Schillinger ("Das Nest")
  • Filmnotizen
  • Mythos & Wirklichkeit
  • Reaktionen
  • Blintimus Blinsky im rabel
  • Die vorletzte Seite

Volltext

DER LITERARISCHE 
Diese reizvolle Kurzgeschichte wurde der Redaktion des literarischen 
Beitrags anonym zugesandt. Obwohl wir normalerweise, seriösen journa 
listischen Gepflogenheiten folgend, keine nicht gezeichneten Texte 
annehmen, haben wir diesmal eine Ausnahme gemacht: es herrscht Fas 
nacht, die Zeit, in der gemäß der These des russischen Strukturali- 
sten Mikhail Bachtin über die Volkskultur des Mittelalters und der 
Renaissance die "Karnevalisierung des Bewußtseins" zur Umkehr aller 
das Jahr über gültigen sozialen und sonstigen Regeln führt. 
Uber den Verfasser/die Verfasserin können wir nur Vermutungen anstel 
len. Eine eingehende inhaltliche und stilistische Analyse berechtigt 
zu der Annahne, daß es sich hiebei um eine Person weiblichen Ge 
schlechts handelt. Gewisse altertümliche Wendungen verführen zu dem 
Schluß, es könnte sich um eine Frau fortgeschrittenen Alters handeln, 
die noch im Geiste des 19. Jahrhunderts erzogen wurde, doch die unge 
brochene Naivität, mit der sie an die Macht der Liebe glaubt, die 
spürbare Neigung zu erotischer Freizügigkeit und ein unverkennbarer 
Zug zu zupackendem Handel lassen eine jüngere Verfasserin vermuten. 
Wie dem auch sei, wir wünschen den geschätzten Leserinnen und Lesern 
eine angenehme und durch die Anonymität keinesfalls beeinträchtigte 
Lektüre dieser sinnenfreudigen Geschichte. 
Unternehmen 
Wursthaut 
Qas große Problem in Friedas Leben Ihr erstes Zusammentreffen fand im 
waren die Männer. Nicht daß sie Gang eines Kongreßzentrums statt, 
keine gekannt hätte, nicht, daß wo sie beruflich zu tun hatte, und 
sie nichts mit ihnen anzufangen er auch. Gehört hatte sie schon 
gewußt hätte - nein, ihre Lage war von ihm, und was man sich über 
eine viel schwierigere, denn sie diesen Mann erzählte, erweckte ih- 
hatte ihr Herz just an den einen re Neugier. Es eilte ihm ein Ruf 
gehängt, der ihren Annäherungsver- als eminenter Gelehrter voraus, 
suchen beharrlich auswich. Mit ge- doch ansonsten galt er als gift- 
radezu traumwandlerischer Sicher- sprühender Zyniker. Besser fand 
heit gelang es ihr, ihr Gefühl für sie die Charakterisierung, die ein 
ihn trotz aller Anfechtungen le- gemeinsamer Bekannter bei einem 
bendig zu erhalten; es gelang ihr Empfang abgab, als er das sauer- 
aber auch, mit ihm nicht das große töpfische Verhalten des einen mit 
Glück im Himmelbett zu erleben, den trockenen Worten quittierte, 
» von dem sie träumte, seit sie ihn er wirke wie ein Verhütungsmittel, 
kannte. 
Frieda gab es zu denken, wenn sie 
sich sagen mußte, sie liebe ein 
Verhütungsmittel. Wie stand sie 
denn vor sich selbst als Frau da, 
wenn es stimmte, daß die abwehren 
de Umhüllung sie mehr anzog als 
das, was darinnensteckte oder 
stecken sollte? Denn manchmal be 
schlichen sie heftige Zweifel, ob 
das unfaßbare Objekt ihrer Begier 
de nicht nur ein Trugbild war. Um 
diesen Zweifeln abzuhelfen, faßte 
sie eines Tages den Entschluß, den 
Stier bei den Hörnern zu packen. 
•Trifft es zu, daß meine Liebe ei 
ner Phantasmagorie gilt", sprach 
sie zu sich selbst, "trifft es zu, 
daß Herz und Sinne und nicht zu 
letzt der Verstand, denn die Ge 
spräche mit ihm amüsierten sie 
ganz besonders, daß also mein in 
brünstiges Sehnen auf ein Fabelwe 
sen gerichtet ist, dann möchte ich 
wie im Märchen mit diesem Fabelwe 
sen Zusammentreffen, um zu erfah 
ren, was dann geschieht. Stimmt es 
aber, was ich viel eher glaube, 
daß in seiner Pariser Haut ein 
kräftiges Stück Fleisch steckt, 
wie es sich ja rechtens auch ge 
hört, dann möchte ich endlich zu 
greifen und meinen Hunger nach ei 
ner saftigen, lebensstrotzenden 
Speise stillen." So sprach Frieda 
zu sich selbst, um sich Mut zu ma 
chen. Dann setzte sie das Unter 
nehmen "Wursthaut" in die Tat um. 
Ihr Gefühl und ebenso ihr Hausver 
stand sagten ihr, daß man diese 
Wurst häuten müsse, um in den Ge 
nuß ihres wohlschmeckenden Inneren 
zu gelangen. Doch wie häutet man 
eine lebende Wurst ohne ihre Ge 
genwehr? Denn daß er zu der Spe 
zies der Märtyrer zählen würde, 
die sich für ihren Glauben mit 
Wonne die Haut bei lebendigem Lei 
be abziehen ließen, womöglich un 
ter ekstatischen Absingen von Kir 
chenliedern, das nahm sie nicht 
an. 
"Eigentlich müßte man die Wurst 
dazu bringen, ihre Haut von selbst
	        

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