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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02

Bibliografische Daten

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Kultur
Untertitel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Publikationsort:
Dornbirn
Verlag:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Strukturtyp:
Ausgabe
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02
Veröffentlichungsjahr:
1987-02-01

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_02

Artikel

Strukturtyp:
Artikel
Titel:
Interview mit Paul Flieder

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02
  • Titelseite
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Interview: Bernhard Amann zur Jugendhaus-Szene
  • Zolltarif Nummer 12.07 B 1
  • Aus meiner Sicht, die Baubehörden und das bauen
  • Plattentips: Die Platte des Jahres 1987
  • Die Menschwerdung des Magisters Dorn
  • Paradigma der Kindheit
  • Interview mit Paul Flieder
  • Der literarische Beitrag: Unternehmen Wursthaut
  • Deutsch perfeckt
  • Interview: Alex Freihart ("Die Wildente") und Reinhold Schillinger ("Das Nest")
  • Filmnotizen
  • Mythos & Wirklichkeit
  • Reaktionen
  • Blintimus Blinsky im rabel
  • Die vorletzte Seite

Volltext

Paul Flieder, geboren 1953 in Wien, begann ab 1972 während des Poli- 
tikwissenschaftsstudiums als Journalist zu arbeiten. 1979/80 war er 
Pressereferent des Bregenzer Festspiel- und Kongreßhauses, 1980 bis 
1984 Angsteilter des Deutschen Bühnenvereins - Bundesverband Deut 
scher Theater in Köln. Ab 1981 war er daneben freiberuflich als Re 
gieassistent und Dramaturg tätig. 1984 bis 1986 war er als Dramaturg 
am Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen tätig. 1986/87 erhielt er 
einen Gastvertrag als Regisseur am Musiktheater im Revier, 1987/88 
war Flieder Regieassistent bei Harry Kupfer an der Komischen Oper in 
Berlin, DDR. In Vorarlberg inszenierte Paul Flieder im Rahmen der 
Opemwerkstatt, die von ihm auch ins Leben gerufen wurde, die Opern 
"Der Evangelimann" und "Die Tote Stadt". In Bregenz wird Flieder im 
Rahmen der Musik-Theater-Tage 1987 Richard Wagners "Der Fliegende 
Holländer" inszenieren. Mit Paul Flieder führte ULRICH GABRIEL das 
folgende Gespräch, das erstmals im Programmheft.des Jeunesse Studio 
20 abgedruckt wurde. 
Interview mit 
PAUL FUEDER 
GABRIEL: Deine große Liebe dürfte 
aber Wagner sein? 
FLIEDER: Gestehe ich. 
GABRIEL: Wann hat diese Krankheit 
begonnen? 
FLIEDER: Als ich 13 war. Da hat 
mir mein Musiklehrer eine Steh 
platzkarte für "Parsifal" in der 
Wiener Staatsoper geschenkt. Das 
war mein erster Opembesuch. Ich 
habe nichts verstanden und die 
Füße haben mir nach fünf Stunden 
stehen auch weh getan. Aber es war 
herrlich. Besonders fasziniert ha 
ben mich die Gralschöre. Seit da 
mals bin ich mindestens jeden 
zweiten Tag auf den Stehplatz ge 
gangen. Kürzlich habe ich Bilanz 
gemacht und errechnet, daß ich 
jede Wagner-Oper zwischen "Hol 
länder" und "Parsifal" im Schnitt 
hundertmal gesehen habe. 
GABRIEL: Warum magst Du ausge 
rechnet Wagner? Die Werke sind 
doch überholt in ihrer Germanen 
mythologie, in ihrem Chauvinismus. 
FLIEDER: "Wie durch Fluch er mir 
geriet, verflucht sei er... fein 
Froher soll seiner sich freun, 
keinem , Glücklichen lache sein 
lichter Glanz! Wer ihn besitzt, 
den sehre die Sorge, und wer ihn 
nicht hat, den nage der Neid! Je 
der giere nach seinen Gut, doch 
keiner genieße mit Nutzen sein! 
Ohne Wacher hüt' ihn sein Herr; 
doch den Würger zieh er ihn zu! 
Dem Tode verfallen, fessle den 
Feigen die Furcht: solang er lebt, 
sterb er lechzend dahin, sein Herr 
als sein Knecht: bis in meiner 
Hand den Geraubten wieder ich 
halte! - " Ich habe einfach das 
Wort "Ring" durch "sein" ersetzt. 
Das Ding, von dem die Rede ist, 
könnte durchaus die Atombombe, die 
Atomkraft sein. Eine mögliche Vi 
sion von Wagner. Jules Verne hat 
die Atomkraft auch nicht gekannt, 
aber ein Atom-U-Boot beschrieben. 
Orwell konnte auch nichts von den 
modernen Massenkoirnunikationsmit- 
teln wissen und hat sie dennoch in 
"1984" beschrieben. Das ist ja das 
Wesen eines genialen Kunstwerkes, 
es ist nicht für den Tag geschrie 
ben. Im übrigen gibt es im "Parsi 
fal" von Wagner noch sowas Faszi 
nierendes. Da sagt Gumemanz zum 
Parsifal: "Du siehst, mein Sohn, 
zum Raum wird hier die Zeit". Das 
Raum-Zeit-Kontinuum hat Einstein 
dann viel später entdeckt. Wagner 
ist also durchaus nicht überholt 
oder antiquiert. Im Inhalt hat 
Wagner keine Konzessionen gemacht 
und war seiner Zeit weit voraus. 
In der Form hat er sich angepaßt, 
und damals waren halt graue Vor 
zeit und Mittelalter groß in Mode. 
Außerdem mußte er seine Werke 
chiffrieren, sonst hätten ihn die 
Mächtigen kein Geld gegeben. Die 
Bayreuther Festspiele hat schließ 
lich König Ludwig von Bayern er 
möglicht, und ohne ihn hätte es 
keinen "Ring" und keinen 'Tarsi- 
fal" gegeben. 
GABRIEL: Wagner muß vom Regisseur 
also eigentlich dechiffriert wer 
den? 
FLIEDER: Genau das machen die Re 
gie-Größen wie Götz Friedrich, 
Harry Kupfer oder Patrice Chereau. 
Alle drei haben in Bayreuth rich 
tungsweisende Inszenierungen er 
arbeitet. Friedrich zeigte im 
"Tannhäuser", wie ein Künstler ge 
gen die Lieblosigkeit seiner Un 
weit aufbegehrt und wie die sich 
an ihm rächt. Kupfer ging im 
"Fliegenden Holländer" im Prinzip 
einen ähnlichen Weg. Er stellte 
in den Mittelpunkt der Geschichte 
die Senta, die mit dem grauen All 
tag im Hause ihres Vaters nicht 
fertig wird und sich hinausträumt, 
aufs Meer, wo sie einen Traum- 
Mann, den Holländer findet. Als 
sich der Traum nicht mehr aufrecht 
erhalten läßt, stürzt sie sich aus 
dem Fenster. Und Chereau schließ 
lich hat im "Ring" herausgearbei 
tet, welche Probleme Wagner und 
andere kritische Zeitgeister im 
19. Jahrhundert wirklich bewegt 
haben - die Industrialisierung und 
die damit verbundenen gesell 
schaftlichen Umwälzungen, die auf 
die Menschen noch zukommen soll 
ten. Chereau ließ alles im Ambi 
ente des 19. Jahrhunderts spielen, 
zitierte aber im Bühnenbild oft 
schon unsere ? ;, den berühmten 
Staudamm im "' ,mgold" etwa. Wo 
tan war da eben kein erhabener 
Gott im wallenden Mantel, sondern 
ein Mensch, der in einem Anflug 
von Größenwahn geglaubt hat, daß 
buchstäblich alles machbar sei und 
nun schmerzhaft einsehen muß, wie 
sein Lebenswerk, das vielleicht 
nicht so lebens-wert war, zugrunde 
geht. Eine Situation, die uns an 
gesichts unserer hausgenachten Um- 
weltkatastrophe auch nicht so 
fremd ist. 
GABRIEL: Wie frei ist ein Regis 
seur in seiner Interpretation?
	        

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