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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02

Bibliographic data

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02

Structure type:
Periodical
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Kultur
Subtitle:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Place of publication:
Dornbirn
Publisher:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Structure type:
Issue
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02
Year of publication:
1987-02-01

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_02

Article

Structure type:
Article
Author:
Huber, Norbert
Title:
Paradigma der Kindheit
People involved:
Huber, Norbert

Contents

Table of contents

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02
  • Title page
  • Preface
  • Contents
  • Interview: Bernhard Amann zur Jugendhaus-Szene
  • Zolltarif Nummer 12.07 B 1
  • Aus meiner Sicht, die Baubehörden und das bauen
  • Plattentips: Die Platte des Jahres 1987
  • Die Menschwerdung des Magisters Dorn
  • Paradigma der Kindheit
  • Interview mit Paul Flieder
  • Der literarische Beitrag: Unternehmen Wursthaut
  • Deutsch perfeckt
  • Interview: Alex Freihart ("Die Wildente") und Reinhold Schillinger ("Das Nest")
  • Filmnotizen
  • Mythos & Wirklichkeit
  • Reaktionen
  • Blintimus Blinsky im rabel
  • Die vorletzte Seite

Full text

PARADIGMA 
der KINDHEIT 
MICHAEL DONHAUSER 
Edgar 
Erzählung 
Es gibt Bücher, bei denen blickt 
man durch ein Fenster in die Welt 
hinaus; und es gibt solche, bei 
denen man von draußen in ein pri 
vates Zimmer schaut. Bei Michael 
Donhauser betritt man durch die 
Tür ein Haus und steht mitten in 
der Welt. Aber nicht allein und 
verloren findet man sich, sondern 
in einer vertrauten Umgebung, mit 
vertrauten Gesichtem, Edgar und 
Georg, in einer vertrauten Zeit: 
im Lebensabschnitt von der Ein 
schulung bis zur Reife. 
Gemeint ist der erste "Roman" des 
gebürtigen Vaduzers (Jg. 1956), 
der soeben im Residenz Verlag er 
schienen ist. Donhauser wuchs in 
Liechtenstein auf und studierte in 
Wien Deutsch und Französisch, wo 
er als Schriftsteller und Maler, 
nach einem einjährigen Innsbruck 
aufenthalt, auch heute noch lebt. 
In seiner Erzählung "Edgar" sieht 
der Autor "eine Art Abschied", Ab 
schied von einer Zeit des Sich-Fü- 
gens in eine Ordnung, die vorerst 
noch Raum gelassen hat für Spiel 
und Eifer und erwartete Wunder, 
später dann nur noch für das Erar 
beiten von schulischen Erfolgen; 
von einer Zeit, die den Abschluß 
gefunden hat in den Jahren des - 
einsamen - Erwachsenwerdens, in 
denen er zwar "nicht" sprechen, 
aber sehen "gelernt" hat. Und weil 
Donhauser die Kunst des Sehens be 
herrscht, verklärt er auch nichts. 
Daß mit "Edgar" aber auch keine 
obsessive Aufarbeitung von Kind- 
heitserlebnissen vorliegt, ist 
keine Überraschung für den, der 
Donhausers erste Buchveröffentli 
chung gelesen hat. Die 1986 in der 
"manuskripte Edition" des Grazer 
Droschl Verlages erschienenen Pro 
sagedichte "Der Holunder", impres 
sionistische Stilübungen (positiv 
gemeint), noch etwas überzeichnet, 
ließen ein poetisches Buch erwar 
ten. Daß "Edgar" aber mit einer 
von allen mimosenhaften Ausdrücken 
gereinigten Sprache gestaltet ist, 
die, umso schwieriger zu schrei 
ben, je mehr sie den Leser fort 
trägt in die eigene Vergangenheit, 
sich niemals aufdrängt, einer 
Sprache, die, ohne Selbstzweck po 
etisch rein, an den richtigen 
Stellen von einer regionalen Fär 
bung durchzogen wird und einen 
ganz individuellen Klang findet, 
kann nicht hoch genug geschätzt 
werden. 
Donhausers Georg erzählt einfach, 
erzählt, erzählt - von sich und 
von Edgar, seinem alter ego, von 
Verlassenheit und Vertrauen, von 
Verzagtheit und Übermut, von Be 
flissenheit und Improvisation, von 
Kinderfreundschaft und von Momen 
ten, die ewig dauern hätten sol 
len. Kindheit ist die Zeit, in der 
alles wirkt: Religion, Märchen, 
Phantasie, Natur - "unter dem Baum 
hat es so stark geduftet wie sonst 
nur in der Kirche" - und besonders 
die Schule: "... seit dem Eintritt 
ins Gymnasium des Landes bin ich 
nicht mehr fertig geworden, ich 
habe immer zumindest noch Vokabeln 
zum Wiederholen gehabt". Kindheit 
ist aber auch die Zeit, die nach 
wirkt : "Noch heute ist mir oft, 
als warte Edgar draußen, als müßte 
ich jeden Moment aufspringen, al 
les liegenlassen und hinauslau 
fen", befreit. 
Kaum etwas von dem fehlt, was das 
Kindsein ausmacht, keine Angst und 
keine Wut; kein lachen, kein Toben 
und auch keine Ohrfeige wird aus 
gelassen, kein Staunen und keine 
Traurigkeit vergessen. Was vorder 
gründig Spiel ist, wird mit heili 
gem Emst zelebriert, und beflis 
sene Ernsthaftigkeit entpuppt sich 
als hohles Ritual. Man spürt den 
Druck der Erwachsenenwelt, um im 
nächsten Augenblick deren Entlar 
vung zu erleben. Sinn und Unsinn 
sind nur zwei Seiten von ein und 
demselben; das Kind sieht es von 
dieser, der Erwachsene von jener 
Position aus. Donhauser schreibt 
aber frei von jeglicher Wertung, 
und eine erstaunliche Leichtigkeit 
wirkt in und aus dem Erzählten: 
befreiende Gestaltung, gestaltende 
Befreiung - scheinbar mühelose 
Imagination im erlösenden Zauber 
eines projizierten Selbst, weit 
entfernt von Wehnut und Übertrei 
bung. 
Mit Edgar wird für den eher ängst 
lichen Georg alles Um "heroisch", 
auch die kindliche Demut, allein 
nur noch Pflicht. Georg braucht 
solide Grundlagen, schnitzt sich 
Gewehr und Tomahawk, Edgar reichen 
zwei Holzprügel. Edgar, den Georg 
erst als Kranken "zum erstenmal 
als ein Lebewesen begriffen" hat, 
"als etwas so Scheufremdes wie ein 
Reh", Edgar, der die Strafe imner, 
herausfordernd lachend, erträgt, 
die wie ein Damoklesschwert über 
Georg schwebt; Edgar, immer wieder 
Edgar, der "Sapperlot", der letzt 
lich scheitert (?), scheitern 
"darf". Und Georg, der methodische 
Zweifler, der dann doch wieder 
allzu Leichtgläubige, Georg, der 
schließlich aufgehört hat zu spie 
len, er macht seinen Weg, wie es 
so schön heißt. Wir blicken mit 
ihm zurück und erinnern uns: an 
unseren Georg und unseren Edgar. 
Ein wirklich schönes Buch. 
Norbert Huber 
Michael Donhauser, Edgar, Erzäh 
lung, Residenz Verlag, Salzburg 
1987, ca. öS 168,—.
	        

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