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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02

Bibliographic data

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02

Structure type:
Periodical
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Kultur
Subtitle:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Place of publication:
Dornbirn
Publisher:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Structure type:
Issue
Collection:
Bodensee Bibliotheken
Title:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02
Year of publication:
1987-02-01

Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1987_02

Article

Structure type:
Article
Author:
Mähr, Christian
Title:
Die Menschwerdung des Magisters Dorn
People involved:
Mähr, Christian

Contents

Table of contents

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1987-02
  • Title page
  • Preface
  • Contents
  • Interview: Bernhard Amann zur Jugendhaus-Szene
  • Zolltarif Nummer 12.07 B 1
  • Aus meiner Sicht, die Baubehörden und das bauen
  • Plattentips: Die Platte des Jahres 1987
  • Die Menschwerdung des Magisters Dorn
  • Paradigma der Kindheit
  • Interview mit Paul Flieder
  • Der literarische Beitrag: Unternehmen Wursthaut
  • Deutsch perfeckt
  • Interview: Alex Freihart ("Die Wildente") und Reinhold Schillinger ("Das Nest")
  • Filmnotizen
  • Mythos & Wirklichkeit
  • Reaktionen
  • Blintimus Blinsky im rabel
  • Die vorletzte Seite

Full text

Beim Erscheinen von Christian Mährs "Magister Dom" haben wir die 
Idee zu einer Doppelrezension gefaßt, die unterschiedliche Lektüreer 
fahrungen und -anregungen präsentieren soll. Hier nun nach Norbert 
Hubers Beitrag der zweite Teil von ULRIKE LÄNGEL: 
K 
Von Heimito von Doderer gibt es 
eine Erzählung mit den Titel "Die 
erleuchteten Fenster oder die 
Menschwerdung des Amtsrates Julius 
Zihal", in der ein voyeuristischer 
österreichischer Beamter, der mit 
dem Fernglas dicke Damen beobach 
tet, am Ende die Postbeamtin Rosa 
C^)letal, das Objekt seiner Be 
trachtungen, heiratet. In Christi 
an Mährs "Magister Dom" geht es 
ebenfalls um eine "Menschwerdung", 
um die Geschichte einer Wandlung. 
Durch fünf Kapitel verfolgt der 
Leser die Veränderung der Hauptfi 
gur, eines eben geschiedenen Che 
mikers, der zunächst als einsamer, 
unsymphatischer, zwanghafter Son 
derling mit einem schweren Magen 
leiden ein genau geregeltes Leben 
führt. Irritationen entstehen zu 
nächst durch kleinste Veränderun 
gen in seiner Unweit - ein Tee 
glas, das nicht an seinem Platz 
steht, eine geheimnisvolle, junge 
Frau, die ihm mitteilt, er solle 
die Stadt nicht verlassen -, und 
steigern sich zu einer Reihe von 
rätselhaften kriminalistischen 
Verwicklungen und phantastischen 
Veränderungen der Realität. 
Die Erzählung ist "methodisch kon 
struiert" (um einen Titel von Her 
mann Broch zu zitieren, dem es wie 
Mähr um eine Vermittlung von wis 
senschaftlichen Erkenntnissen und 
Erzählen ging): Jedes Kapitel be 
ginnt mit dem Erwachen am Morgen 
und verwickelt Dom in immer phan 
tastischere Erfahrungen, die den 
eingesponnenen "Kokon" seiner Per 
son, wie es zu Beginn heißt, zum 
Aufspringen bringen. Die Außenwelt 
verändert sich von der streng ma 
thematisch geordneten und klassi 
fizierenden Sehweise des wissen 
schaftlichen Zwangsneurotikers zu 
Beginn bis zum Zerbrechen der üb 
lichen Dreidimensionalität und 
Perspektivität im zentralen 3. Ka 
pitel, wo in einer Art Wiederge 
burt serlebnis schwarzes Wasser in 
die Wohnung des Magisters dringt 
und die Ungebung sich in einer 
chaotischen "Photomontage aus 
Bruchstücken, Teilansichten" zu 
einem neuen Muster ordnet . 
Spätestens hier wird deutlich, daß 
Mährs Geschichte eine Botschaft 
propagiert, eine neue, gleichbe 
rechtigte Ordnung der Dinge for 
dert. Die Aufhebung der Kausalität 
und der Subjekt-Ob jekt-Trermung 
als Ausdruck eines Herrschaftsver 
hältnisses nimmt geradezu heilsge 
schichtliche Dimensionen an: "Er 
war ein Teil des Realen. Er war 
gleichberechtigt. Kein Gegenüber 
stehen mehr, sondern ein Darin 
sein. Keine Grenze der Objektion 
mehr, nur noch die Grenze des Re 
alen, was billigerweise erwartet 
werden konnte. Und unter allen, 
mitten drin, der Baum des Lebens, 
grün, natürlich; blühend und 
Frucht tragend zu gleicher Zeit. 
Und keine Sehnsucht mehr." (96) 
Andererseits erwachen in Dom 
selbst anscheinend lange nieder 
gehaltene animalische Instinkte: 
der Magenkranke gibt sich einem 
Anfall von Freßgier hin und be 
obachtet zweimal teils phanta 
stisch verfremdete Kbpulations- 
szenen. Im 4. Kapitel, einem der 
Höhepunkte der Erzählung, nimmt er 
an einem wüsten Fest im chemischen 
Institut der Universität teil, das 
zu einer haßerfüllten Satire an 
der "sadistischen Grundeinstel 
lung" der Naturwissenschaft und 
der mit ihr Befaßten wird. Am Ende 
i st Dom von seinen monomanischen 
Interesse an der Wissenschaft und 
von seinem Magenleiden geheilt und 
findet (um hier wieder an den ein 
gangs erwähnten Doderer anzu 
schließen) im Haus seiner Exgattin 
das Bild der mysteriösen jungen 
Frau wieder. Der Schluß bleibt of 
fen: "Dann hörte er es hinter der 
Tür. Nichts, was er jemals gehört 
hätte. Unvergleichlich. Schon 
wollte er das dritte Mal klopfen, 
aber es war nicht nötig. Leise und 
langsam, ohne daß die Klinke sich 
bewegt hätte, schwang die Tür 
auf." (219). 
Beeindruckend ist •'Magister Dom" 
einmal durch die Auseinanderset 
zung mit dem Herrschaftsanspruch 
eines mathematisch-naturwissen 
schaftlichen Weltbildes, das zu 
gunsten einer Sehweise aufgegeben 
wird, die an New-Age-Philosophien 
erinnert und streckenweise mit 
fast pastoralem Duktus vorgetragen 
wird (die Bibel-Anspielungen, etwa 
auf die Apokalypse im 3. Kapitel, 
verstärken diesen Eindruck noch). 
Auffallend ist auch der Emst, mit 
dem Mähr seine Protagonisten agie 
ren läßt: Das Schema mysteriöser 
Hinweise aus der Unweit wird von 
Magister Dom vertrauensvoll be 
folgt, was schließlich zu seiner 
Heilung führt, im Gegensatz etwa 
zu modernen anti-aufklärerischen 
Kriminalgeschichten wie Thomas
	        

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