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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-02

Bibliografische Daten

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-02

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Kultur
Untertitel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Publikationsort:
Dornbirn
Verlag:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Strukturtyp:
Ausgabe
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-02
Veröffentlichungsjahr:
1986-02-01

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1986_02

Artikel

Strukturtyp:
Artikel
Titel:
Wer war Rudi D.?

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-02
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Bludenz: "s'Städle für Dich und ..." - aber wo ist der Kultursaal, bitte?
  • Oper/Oratorium/Kammerkonzert: 1. Kaputte Seelenwelt
  • Oper/Oratorium/Kammerkonzert
  • Oper/Oratorium/Kammerkonzert: 3. Die neuen Braven
  • Wer war Rudi D.?
  • Interview mit Hanns Dieter Hüsch
  • Film Schnipsel
  • Hoamatle?
  • Frauen-Studien

Volltext

In dieser Kolumne setzt sich 
KURT BRACHARZ mit einem von 
ihn selbst ausgeuähltem ak 
tuellem politischem Buch 
auseinander. 
DAS POLITISCHE BUCH 
Nun steht also Rudi Dutschke in 
einer Reihe mit Mao Tse-Tung, Ke 
niat Atatürk und Otto von Bismarck 
- die Reihe ist allerdings nur 
die der rororo-Bildnonographien, 
in der schon immer Disparates 
versammelt war. 
Wer war 
Rudi D.? 
Der Autor Jürgen Miermeister, der 
auch Mitherausgeber der Dutsch- 
ke-Sammelbände "Mein langer 
Marsch" und "Die Revolte" bei Ro 
wohlt war, sieht sich einem Pro 
blem gegenüber, das die Biogra 
phie schwierig macht: nämlich ei 
ner relativen Ereignisarmut im 
Leben des Biographierten. Am auf 
fälligsten wird das, wem man 
sich die Zeittafel anschaut: 
Dutschke hat viel demonstriert, 
viel diskutiert und einiges ge 
schrieben - aber das ist nicht 
der Stoff, aus dem die politi 
schen Mythen sind. 
Am 11. April 1968 ist er von dem 
von den Medien, insbesondere der 
Springer-Presse, verhetzten 
Hilfsarbeiter Josef Bachmann an 
geschossen worden. An einer Folge 
dieses Attentats, nämlich epilep 
tischen Anfällen, ist er am Weih 
nachtsabend 1979 gestorben: er 
ertrank in der Badewanne (es hat 
auch hier nicht an Mythisie- 
rungsversuchen - daß es ein po 
litischer Mord gewesen sei - ge 
fehlt). 
Die folgenden Zitate stammen alle 
aus dem Buch: der kleingewachsene 
Dutschke hatte einen "Napoleon- 
Komplex", verstand sich mit sei 
nem Freund Rabehl "als modernes 
Marx-Engels-Pärchen: natürlich 
war Dutschke Marx", "bekam Ironie 
nie mit", war "naiv", "sicht 
lich...kein Geistesheros" (hier 
zitiert der Autor Rudolf Aug 
steins Nachruf auf Dutschke), 
travestierte in seiner Diktion 
"unfreiwillig die Botschaft sei 
ner Lehrer", identifizierte sich 
in seinem Tagebuch mit Christus 
("Christus-Komplex") und zeigte 
Indizien "etwas schlichter Gei 
stesstrukturen". 
Wer solche Lobredner hat, braucht 
keine Feinde mehr, mag man sich 
da denken. Aber es ist wohl eher 
unfreiwillig, wem Dutschke bei 
Miermeister als Simpel erscheint, 
"selten ironisch, aber meist 
fröhlich". Erklärt sich seine At 
traktivität nur aus seinem frühen 
Tod, ist er "ein James Dean der 
Politik"? 
Miermeister geht über weite Par 
tien der Biographie von Horkhei- 
mers These vom Marxismus als sä 
kularisierter Religion aus. 
Dutschke kam aus einer streng 
protestantischen Familie, nahm in 
der DDR aktiv an Veranstaltungen 
der christlichen "Jungen Gemein 
de" teil und besuchte mit seinen 
Eltern Gottesdienste und Gemeirr 
deabende von votksmissionarischem 
Charakter. Zwei Tage vor dem Mau 
erbau übersiedelte er nach West 
berlin und besuchte dort zunächst 
regelmäßig Gottesdienste, eine 
Angewohnheit, die er erst nach 
intensivem Marx-Engels-Studium 
ablegte. Lebenslang verehrte er 
Emst Bloch und zählte Helmut und 
Christine Gollwitzer zu seinen 
Freunden. 
Soweit sogut. Miermeister schießt 
aber übers Ziel hinaus, indem er 
zuerst versichert, eine Synopse 
Jesus - Dutschke sei "absurd, ja 
albern", und sie dam doch 
bringt; ähnliche Vergleiche zie 
hen sich quer durch das Bändchen. 
An der Studentenrevolte der spä 
ten sechziger Jahre waren vor 
allem folgende Phänomene von In 
teresse: die Denkmodelle einer 
hedonistischen Linken, das mas 
sierte Auftreten spontanistischer 
Aktionen im Grenzbereich von Po 
litik und Ästhetik, der Blick auf 
rassische und nationale Minori 
täten als revolutionäres Poten 
tial. 
Mit dem Hedonismus hatte Dutschke 
nicht viel im Sim. "Im Sommer 
1964 war Faust Gretchen begeg 
net", kommentiert Miermeister 
Dutschkes Bekanntschaft mit der 
Amerikanerin Gretchen Klotz, und 
nach einer offenbar zumindest 
seinerseits mehr von Ideologie 
als von Gefühlen beeinflußten Be 
ziehung ("Er sagte mir, er sei 
mit der Revolution verheiratet 
und wünsche, daß ich weggehe.") 
heiratete er sie zwei Jahre spä 
ter. Im Juni 1966 treffen sich 
eine Anzahl Kommunarden in seiner 
Villa am Kochelsee, die dem Vater 
eines der anwesenden SDSler ge 
hört, und Dieter Kunzeimam - 
heute grüner Abgeordneter - be 
schwor die Anwesenden, in revo 
lutionären Kommunen alles zu 
teilen, auch Frau oder Freundin. 
Dutschke stimmte halbherzig zu, 
fand aber bald Hilfe bei seinen 
Kirchenvätern: in einem SPIEGEL- 
Interview ein Jahr später komte 
er bereits mitteilen: "Der Aus 
tausch von Frauen und Männern ist 
nichts anderes als die Anwendung 
des bürgerlichen Tauschprinzips 
unter pseudorevolutionärem Vor 
zeichen." 
An jenen Polit-Happenings, die 
mit Namen wie Langhans, Kunzel- 
mann, Teufel oder Pawla verbunden 
sind, beteiligte sich Dutschke 
kaun - dafür fehlte ihm wohl der 
Witz. 
Seine Aktionsformen sind öffent 
liche Diskussion, Demonstration, 
Reden und auch einmal Hunger 
streik (für Fritz Teufel). 
Zur Theorie hat er einen größeren 
Beitrag geleistet, seine Disser 
tation ("nach x-facher Umarbei 
tung und Korrektur") "Zur Diffe 
renz des asiatischen und westeu 
ropäischen Weges zum Sozialismus" 
(später, nach der Übersetzung 
"vom Akademischen ins Gemein-
	        

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