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Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-01

Bibliografische Daten

fullscreen: Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-01

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Kultur
Untertitel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Publikationsort:
Dornbirn
Verlag:
Verein KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048
Strukturtyp:
Ausgabe
Sammlung:
Bodensee Bibliotheken
Titel:
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-01
Veröffentlichungsjahr:
1986-01-01

Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=bsz310869048_1986_01

Artikel

Strukturtyp:
Artikel
Titel:
Kolumne: Das politische Buch

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Kultur
  • Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 1986-01
  • Titelseite
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Gorrfried Berchtold: Lichtsteine
  • Interview mit Dietmar Schönherr
  • Little John und die Westkräfte
  • Kolumne: Das politische Buch
  • Satire: Blintimus Blinsky
  • Magazin
  • Ein Glück kommt selten allein
  • Filmschnipsel
  • über Kurt Bracharz
  • Der literarische Beitrag
  • Monatsprogramm
  • Ausstellungen
  • PROGRAMME
  • Die vorletzte Seite

Volltext

In dieser Kolumne setzt sich 
KURT BRACHARZ mit einem von 
ihm selbst ausgeuählten ak 
tuelle politische Buch 
auseinander. 
DAS POLITISCHE BUCH 
Der kanadische Historiker Edward 
Shorter (geb. 1941) ist bei uns 
durch sein Buch "Die Geburt der 
modernen Familie" zumindest ein 
wenig aufgefallen - so weit ist 
es freilich nicht gekommen, daß 
sogenannte Familienpolitiker ih 
re Redenschreiber anhielten, 
Shorter zu lesen, so sehr man 
sich das auch wünschen würde. 
Sein neues, nunmehr in Überset 
zung vorliegendes Buch heißt im 
Original "A History of Women's 
Bodies" und auf deutsch "Der 
weibliche Körper als Schicksal - 
?ur Sozialgeschichte der Frau". 
Der Titel ist sehr unglücklich 
gewählt, weil der Autor keinen 
Zweifel daran läßt, daß dieses 
"Schicksal" weder von der uner 
gründlichen Moira noch von den 
spinnenden Nomen verhängt wor 
den ist, sondern gut verständ 
liche historische Wurzeln hat. 
Die von Shorter selbst zu Beginn 
zusammengefaßte Grundthese des 
Buches lautet, daß "Weiblich 
keit", insbesodere wegen der An 
fälligkeit des weiblichen Kör 
pers im Zusammenhang mit der 
Fortpflanzung, vor 1900 ein ne 
gativer Begriff war, und durch 
die ab etwa 1930 erreichte Kon 
trolle über den Geburtsvorgang 
positiv besetzt werden konnte. 
18 
Diese physische Basis war eine 
der Voraussetzungen des Feminis 
mus, nicht die einzige und nicht 
die wichtigste, aber eine bis 
lang wenig beachtete. 
In traditionellen Gesellschaften 
befinden sich Frauen nach Shor 
ter in einer dreifachen Opfer 
rolle: als Opfer der Männer we 
gen der verlangten dauernden se 
xuellen Verfügbarkeit, als Opfer 
der Familie, da sie die Kinder- 
Die 
Wurzeln 
des 
Schicksals 
zahlen nicht bestimmen körnten, 
und als Opfer der Natur wegen 
der Anfälligkeit im Bereich der 
Sexualorgane (die freilich auch 
kein biologisches "Schicksal" 
war, sondern mit der Lebensweise 
zusammenhing). 
Frauen waren kleiner und schwä 
cher, weil sie weniger zu essen 
bekamen. Während in der Blüte 
zeit der griechischen und römi 
schen Kulturen die Menarche mit 
.dreizehn oder vierzehn einsetz 
te, verzögerte sie sich unter 
den schlechten Wirtschaftsver 
hältnissen des 17. und 18. Jahr 
hunderts auf sechzehn und mehr 
Jahre, wobei die Bäuerinnen auf 
Grund ihrer schlechteren Ernäh 
rung noch später dran waren als 
die Städterinnen. Sehr viele 
Frauen hatten rachitische Bek- 
ken, die bei Geburten zur töd 
lichen Gefahr werden konnten. 
Shorters etwa 100 Seiten umfas 
sende Darstellung typischer Ge 
burten von der beginnenden Neu 
zeit bis ins 19. Jahrhundert 
räumt mit einigen Vorurteilen 
aller Seiten gründlich auf. Von 
den vielzitierten "Weisen Frau 
en" war nichts zu sehen. Es gab 
zwei Arten Hebammen: relativ gut 
ausgebildete städtische mit 
Zunftorganisation (eine deutsche 
Oberhebarme im 17. Jahrhundert 
unterstand weder dem Arzt noch 
dem Stadtrat!); und auf dem Lan 
de "traditionelle" Geburtshel 
ferinnen, meist verarmte alte 
Frauen, die sich auf diese Weise 
ein paar Kreuzer verdienten. 
Während sie mit normalen Gebur 
ten gut fertig wurden, waren sie 
bei Komplikationen praktisch 
hilflos. (Ich bitte die späte 
stens an dieser Stelle auffah 
renden Leserinnen zu bedenken, 
daß ich hier nur zusammenfasse, 
was bei Shorter belegt wird. Der 
Abschied vom Mythos "Weise Frau" 
ist bitter, aber eine der Haupt 
aktivitäten dieser Ahnungslosen 
war, bei komplizierten Lagen an 
dem erreichbaren Teil des Säug 
lings so kräftig wie möglich zu 
ziehen - was nicht eben selten 
dazu führte, daß er abriß. Daß 
andererseits beispielsweise die 
gebärmutteranregende Wirkung des 
Mutterkorns den europäischen 
Bauern längst bekannt war, ist 
unbestreitbar, steht aber immer 
zusammen mit magischen Mitteln 
aller Art: so öffnete man alle
	        

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