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Anleitung zum Methodischen Studium der Homöopathie

Bibliographic data

fullscreen: Anleitung zum Methodischen Studium der Homöopathie

Structure type:
Monograph
Collection:
Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie e.V.
Author:
Lorbacher, A.
Title:
Anleitung zum Methodischen Studium der Homöopathie
Subtitle:
für junge Aerzte welche un dieselbe eindringen und sich ernstlich damit beschäftigen wollen
People involved:
Lorbacher, A.
Place of publication:
Leipzig
Year of publication:
1883
Publisher:
Schwabe

Physical location:
Europäische Bibliothek für Homöopathie (EBH), Köthen
Persistent Url:
http://www.digishelf.de/piresolver?id=342617882

Chapter

Structure type:
Chapter
Title:
II. Das Studium selbst.

Contents

Table of contents

  • Anleitung zum Methodischen Studium der Homöopathie
  • Title page
  • Introduction
  • I. Vorbedingungen und Vorbereitungen für das Studium.
  • II. Das Studium selbst.
  • III. Praktische Anwendung.

Full text

12 
Denn darauf kommt es vor allem an, den specifischen Charakter jedes 
einzelnen Mittels kennen zu lernen und richtig aufzufassen, wie er sich 
oft nur in einzelnen feinen Pinselstrichen zu erkennen giebt. Dies ist 
nöthig, um bei der Mittel wähl nicht fehl zu greifen und die richtige 
differentielle Mitteldiagnose zu stellen, eine schwierige Arbeit, welche 
die alte Schule nicht kennt, da es ihr nur auf die formale Krankheits- 
diagnose ankommt und sie mit ihrer Mittelwahl bald fertig ist. 
Um ein charakteristisches Mittelbild zu erlangen, kommen vorzüg- 
lich folgende Punkte in Betracht: 
1. Die Tageszeit, in welcher seine Symptome vorzüglich auftreten. 
2. Die Bedingungen, unter welchen Besserung oder Verschlimme- 
rung eintritt. Aeussei-e und innere, gemüthliche und körperliche. 
3. Die begleitenden Umstände. 
4. Die Konstitution, auf welche sie vorherrschend einwirken. 
5. Die ätiologischen Momente, welche die dem Mittel entsprechen- 
den Krankheiten hervorrufen. 
Den ersten Punkt betreffend, so haben die Prüfungen am Gesunden 
schon ergeben, und die Erfahrungen am Krankenbette haben es bestätigt, 
dass zwischen den verschiedenen Mitteln wesentliche Unterschiede bezüg- 
lich des stärkeren Hervortretens der pathogenetischen Erscheinungen zu 
den verschiedenen Tageszeiten bestehen. Ich weise in dieser Beziehung 
auf den Unterschied zwischen Nux vomica und Pulsatilla hin. Als prak- 
tisches Beispiel sei hier erwähnt ein Zahnschmerz, welcher jedesmal gegen 
Abend beginnt und gegen Mitternacht aufhört; derselbe wird mit ziem- 
licher Sicherheit durch Sepia beseitigt, welches Mittel eine ähnliche Er- 
scheinung in derselben Zeit hervorbringt. Bei eingehenderem Studium 
der Mittel wird die Bedeutung des Unterschiedes des zeitlichen Verhal- 
tens der Mittel dem Anfänger bald klar werden und er denselben als 
einen wichtigen Anhaltspunkt für die Mitteldiagnose erkennen. 
An Bedeutung gleich stehen ihm die Bedingungen, unter welchen 
Besserung oder Verschlimmerung eintritt. Dieselben sind äussere und 
innere. Die äusseren zerfallen in atmosphärische und körperliche. Es 
kommen demnach in Betracht: 
1. Trockene und feuchte Witterung, Hitze und Kälte, Gewitter, zu- 
weilen auch der Stand des Mondes. 
2. Buhe und Bewegung, die verschiedenen Lagen des Körpers, als 
Sitzen, Liegen, Aufstehen, Hängenlassen eines Gliedes etc. 
3. Verschiedene Genüsse. 
4. Gemüthsbewegungen. 
Neben den eben genannten hat aber der homöopathische Arzt vor 
allem zu berücksichtigen die begleitenden Umstände, d. h. die Er- 
13 
scheinungen, welche zugleich mit einzelnen oder allen pathogenetischen 
Symptomen eines Mittels ziemlich regelmässig auftreten. Ein drastisches 
Beispiel bietet in dieser Beziehung Mezereum, bei dem die Schmerzen 
regelmässig von Kälte resp. Kältegefühlen begleitet sind. Am Besten 
werden diese Symptome beim Studium unter einer besonderen Rubrik 
untergebracht, weil sie sich auf diese Weise besser dem Gedächtnisse ein- 
prägen. Die Wichtigkeit derselben für Mittelwahl wird dem Studirenden 
in der Praxis erst recht klar werden. Denn es kommen in derselben 
Fälle vor, wo die in Betracht kommenden Mittel ziemlich gleiche resp. 
ähnliche Symptome darbieten, und die begleitenden Erscheinungen den 
Ausschlag geben. Dieselben erscheinen dem Uneingeweihten zuweilen 
so nebensächlich und unbedeutend, dass er sie leicht übersieht. Es muss 
daher auf deren Erforschung eine besondere Aufmerksamkeit verwandt 
werden. 
An die begleitenden Umstände reihen sich als an Wichtigkeit den- 
selben nicht nachstehend die Konstitutionen. Den Begriff Konsti- 
tution fassen wir jedoch nicht in dem gewöhnlichen, sondern in dem 
erweiterten, zuerst von Grauvogl uns in seiner Bedeutung klar ge- 
machten Sinne auf. Wir sprechen also nicht von einer venösen oder 
arteriellen oder lymphatischen, sondern von der hydrogenoiden, oxygenen 
und carbonitrogenen Konstitution als den auf ihre naturgesetzlichen 
Grundlagen zurückgeführten drei grossen Grundkrankheiten Hahne- 
manns: Psora, Syphilis und Sykosis. Ihre Wichtigkeit wird uns durch 
die einfache Erwägung klar, dass, wie für die Pflanze es vor allem auf 
den Boden ankommt, in dem sie wächst, und durch welchen ihre Lebens- 
erscheinungen bedingt sind, so auch die Krankheiten wesentlich durch 
die Bedingungen, welche sie in dem betreffenden menschlichen Organis- 
mus antreffen, modificirt werden, dass auf dem Boden der hydrogenoiden 
Konstitution die Krankheiten einen anderen Charakter annehmen müssen, 
als auf dem der carbonitrogenen, zu ihrer gründlichen Heilung daher 
auch Mittel angewendet werden müssen, welche nicht nur dem augen- 
blicklich sich darbietenden Symptomenkomplexe entsprechen, sondern 
auch im Stande sind, die ganze Konstitution zu verbessern. Dass es 
dergleichen Mittel giebt, hat Grauvogl im II. Band seines Lehrbuchs 
unwiderleglich nachgewiesen, und können wir jedem jungen Arzte, wel- 
chem es Ernst damit ist, die Homöopathie gründlich kennen zu lernen, 
das Studium desselben nur auf das Dringendste empfehlen. Er wird eine 
reiche Belehrung daraus schöpfen, und ihm dadurch der Werth der be- 
gleitenden Umstände und der Konstitutionen für die Mittelwahl erst recht 
klar werden. Doch rathen wir, dies erst zu thun, wenn er mit dem Or- 
ganon und der Arzneimittellehre sich gründlich bekannt gemacht hat,
	        

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