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Freie Stimme vom See und Hegau, damit verbunden der Radolfzeller Anzeiger, Jg. 1870 (6)

Bibliografische Daten

fullscreen: Freie Stimme vom See und Hegau, damit verbunden der Radolfzeller Anzeiger, Jg. 1870 (6)

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Archive im Landkreis Konstanz
Titel:
Freie Stimme vom See & Hegau, vom Schwarzwald & der Baar
Publikationsort:
Radolfzell
Verlag:
Wilhelm Moriell

Physikalischer Standort:
Verbundzentrale des GBV (VZG), Göttingen
Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=1125058-6
Strukturtyp:
Zeitschriftenband
Sammlung:
Archive im Landkreis Konstanz
Titel:
Freie Stimme vom See und Hegau, damit verbunden der Radolfzeller Anzeiger, Jg. 1870
Band, Heft, Nummer:
6
Publikationsort:
Radolfzell
Veröffentlichungsjahr:
1870
Verlag:
Wilhelm Moriell'sche Buchdruckerei
Größe der Vorlage:
25,1 x 36,1 cm

Physikalischer Standort:
Verbundzentrale des GBV (VZG), Göttingen
Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=1125058-6_1870

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Freie Stimme vom See & Hegau, vom Schwarzwald & der Baar
  • Freie Stimme vom See und Hegau, damit verbunden der Radolfzeller Anzeiger, Jg. 1870 (6)

Volltext

sterne schon im Erbleichen. Herr Jolly will sich das Gemeinde— 
gesetz nicht so mir nichts dir nichts von den Landständen umfor—⸗ 
men lassen. Man spricht anfangs bestimmter davon, er werde, 
jalls die Beschlüsse der 2 Kammer von der 1. angenommen werden, 
den Kammern sich widersetzen und die Verbesserungen zurückweisen. 
Dann wird sich aber auch zeigen müssen, was die Kammermit- 
zlieder, von denen ein großer Theil zu Offenburg einen so hohen 
Anlauf genommen hat, auf ihr Recht und ihre öhre halten. 
Die nächsten Aussichten, die das Jahr zu seinem Abschiede 
uns zurückläßt, sind darum trübe und die Gefühle mit denen wir 
das neue Jahr antreten, gedrückt; allein nichtsdestoweniger sind 
wir unverzagt und um die Zukunft guter Dinge. Warum sollten 
wir es auch nicht? Im Ganzen hat das scheidende Jahr der Sache 
der kath. Volkspartei viele und bedeutende Siege gebracht, und 
wir haben alle Ursache damit zufrieden zu sein. Üünsere Gegner 
jaben uns achten gelernt, und ob sie es gestehen oder nicht, sie 
jürchten uns. Ja gerade die Furcht vor uns ist es, die sie auf allen ihren 
Schritten und Tritten begleitet und die nicht minder den Beschlüs—⸗ 
sen' des Abgeordnetenhauses als merkwürdiges Wahrzeichen auf— 
geprägt ist. Wo man aber uns fürchtet, da haben wir doch sicher⸗ 
lich die begründetste Ursache zum Vertrauen; wir haben ja das 
Unterpfand unseres endlichen Sieges bereits in unfern Haͤnden. 
Dann bauen wir ja auf unser gutes Recht und die schließlich 
immer siegende Kraft der Mehrheit. Darum Glück auf zum 
neuen Jahr! Im neuen wie im alten soll unsere Losung 
wieder sein: Ausdauer im gesetzlichen Kampfe für 
unser Recht! 
Deut schland. 
Aus Baden. Der Verwaltungsgerichtshof hat eine für 
die jüdischen Einwohner Badens höchst wichtige Entscheidung ge— 
troffen. Ein Theil der Karlsruher Juden hatte sich geweigert, zu 
dem beabsichtigten Neubau einer Synagoge etwas beizutragen. Als 
sie gerichtlich dazu angehalten werden sollten, erklärten fie ihren 
Austritt aus der bestehenden jüdischen Religionsgenossenschaft, und 
aun sprach ihnen der Verwaltungsgerichthof die Berechtigung eines 
solchen Austritts zu. 
XxRadolfzell, 30. Dez. Vor einigen Tagen verbreitete 
die „Badische Landeszeitung“ die Nachricht, Pfarrer Siebert von 
Hemmenhofen sei todt gefunden worden und man spreche von 
Selbstmord. Wir betrachteten die Sache gleich als eine boshafte 
Lüge, darauf berechnet, den Mann in der Oeffentlichkeit zu rui⸗ 
niren, und fanden es nicht einmal der Mühe werth, weitere Nach— 
forschungen anzustellen. Da wir aber erfahren, daß das Gerücht 
in weiteren Kreisen Aufsehen erregt, so müssen wir unsere Leser 
denn doch benachrichtigen, daß Pfarrer Siebert lebt und gesund 
ist. Ein derartiger Fall wäre doch wahrlich früher am See als 
am Landgraben bekannt geworden. 
‚Wir wundern uns nur, daß auch die „Konstanzer Zeitung“, 
welche sich kürzlich so sehr darüber lustig machte, daß wir uns 
durch das apokryphe Manifest Napoleons mystificiren ließen, nun 
die Hemmenhofer Mystification ebenfalls nachdruckt. Es ist doch 
von Konstanz nach Hemmenhofen nicht so weit, als von Radolfzel 
aach Paris! He! 
— Der bei Ber lingen verunglückte Steuermann Spengler 
ist am 27. d. circa 600 Fuß vom untergegangenen Schiff entfernt 
zjefunden worden; er war noch ganz unversehrt und jo gut aus— 
sehend, als ob er erst eine halbe Stunde unter Wasser gelegen wäre. 
P. Radolfzell, 31. Dez. Wie wir soeben hören, ist in 
der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag das ehemalige Kloster 
Rheinau, jetzige Irrenanstalt des Kantons Zürich, gaͤnzlich ab— 
zebrannt. Auch die sehr schöne Kirche wurde ein Raub der Flammen. 
Konstanz, 22. Dez. Heute standen vor der Strafkammer 
dahier die beiden Bürger von Bankholzen, Thomas Schlegel und 
Josef Brecht, angeschuldigt, den dortigen Bürgermeister Bohner 
m Amt beleidigt zu haben. Anklägerin war die Staatsanwalt. 
schaft und Vertheidiger Anwalt Rizi. Der Staatsanwalt gab zu, 
den Hymnus weiter sang. Den Zug schlossen der Auditor und Schatz- 
meister der Camera apostolica, der päpstliche Großbofmeister und ber 
Minister des Innern; die apostolischen Protonotare, der Maestro di Camoera, 
Ordensgenerale, sammt den übrigen Officialen und den Stenographen 
hes Concils. An der Schwelle der Basilika entblößten alle ihr“ Haupi. 
weil das hochwürdigste Gut in reichem Lichttranze auf dem Hochaltare 
ausgesetzt war; Seine Heiligkeit stieg vom Tragsefsel und schritt langsam 
segnend und betend, bis zum Hochältare vorwäits. Dort angekommen, 
sang er zum Schlusse das Veni Uréator, mehrere Responsorien und dann 
die Orationen: Deus qui nobis sub Sacramento mirabili — Peus qui 
corda fidelium —- Deus refugium nostrum eét virtus und Actiones nostras 
— Zwei Sänger sangen dann zum Schlusse: Kcaudiat nos omnipotens 
et miserecors Dominus et custodiat nos semper. Amen. Hierauf be— 
gaben sich alle am Concil Theil habenden Personen in die für dasselbe 
bexeitete Aula im rechten Seitenschiffe, und nahmen ihre nach dem hierar⸗ 
chischen Range und der Präconisationszeit eingetheilten Plätze daselbst 
ein. Diese Aula ist in Hufeisenform gebaut; im Hintergrunde erhebt 
ich der Thron des Papstes, über demselben sieht man die Sendung des 
M. Geistes dargestellt, während rings an den Wänden noch Scenen aus 
Concilien und Brustbiider von Päpsten angebracht sind. Zu beiden Seilen 
des Thrones folgen sodann die Sie für die Cardinäle, die der Patriarchen 
und Primaten, und an drei Reihen übereinander befinden sich die Siße 
iür die Erzbischöfe, Bischöfe, Aebte u. s. w. In zwei Seileniribunen 
aben hohe Herrschaften, das diplomatische Corps die päpstiichen Theo— 
ogen und Canonisten eine Stelle, Den Eingang bewachen die Maltefer 
Ritter und die Robelgarde des hl. Vaters. (GForts. folgt 
daß die beiden Angeschuldigten zu der dem Bürgermeister Bohner 
angethanen Beleidigung (sie hatten ihm Lügenhastigkeit im Dienste 
vorgeworfen) allerdings von demselben durch kraͤmende Ausdrücke 
zereizt worden seien; im Einzelnen aber wurden die beleidigten 
Jusdrücke des Bürgermeisters Bohner nicht hinlänglich durch die 
Zeugenschaft erhärtet. Anwalt Rizi wies nach, daß die Sache 
»om Parteistandpunkt aus beurtheilt werden müsse; daß die Au— 
zeklagten wegen des Umstandes, daß sie sich Bemängelungen der 
Zemeinderechnung erlaubt hatten, sowie auch wegen ihrer Religio⸗ 
ität mancherlei Versolgungen zu tragen gehabt haben, ferner wies 
erselbe hin auf den biedern Tharakter und den musterhaften Leu⸗ 
nund der Angeschuldigten, wie auch auf ihr würdiges und offenes 
Benehmen bei der Verhandlung, endlich auf die Thatsache, daß 
dieselben für ihre angeschuldigten Worie Bohner gegenüber den 
Beweis derWahrhuit erbracht haben, indem wirklich Buͤrger⸗ 
meister Bohner über den dortigen Pfarrer Wahrheitswidriges sich 
habe zu Schulden kommen lassen, ja daß Bohner selbst nicht 
einmal auf den Vorgang hin daß rin Gemeinderath in einem 
ffentlichen Blatte (ogh. Freie Stimme“ N. 186 v. J.) ihn der 
Unwahrheit bezüchtigle, etwas eingewendet habe. Hierauf gestützt, 
rug der Anwalt auf Freisprechunß an. 
Nachdem der Vorfitzende des Gerichtshofes die Parteien noch 
zinmal vergeblich zur Vergleichung aufgefordert halte, zog sich 
er letztere zurück zur Berathung über das Urtheuͤ. Es lautete 
zasselbe für die Angeschuldigten auf 2 Tage Gefängniß und Tra— 
zgung der Kosten. 
Im Ganzen hat die Verhandlung gegen B. Bohner einen ungünstv 
zen Eindruck hinterlassen u. derselbe kann sowohl beiseinen Vorgesetzte 
vie bei seinen Mitbürgern dadurch nur verloren haben. Bohner schien 
)ies auch seibst zu fühlen, indem er am Schlusse der Verhandlung, 
zleichsam in der Rolle eines Verurtheilten, die Erklärung abgab: 
„Ich bin noch jung und Ehre und guter Name ist bald geraubt, 
aber so wie heute bewiefen worden ist, bin ich nicht.“ 
— Konstanz, 28. Dez. Die angekündigte Abendunterhal⸗ 
tung hat am letzten Stephansabend im Gesellenhaus stattgefunden. 
Mitglieder des kath. Gesellenvereins führten ein wundernettes 
Weihnachtsstück, verfaßt von Cardinal Wisemann, auf, welches alle 
Anwesenden ungemein ergötzte und zugleich erbaute. Die glänzende 
bengalische Beleüchtung der Bühne erhöhte den Eindruck bedeutend. 
Die Mitglieder, Ehrenmitglieder, Wohlthäter und Gönner des 
Vereins haiten freien Zutritt. Da allgemein der Wunsch ausge⸗ 
prochen wird, es möchte das sinnige Weihnachtsbild von den bracen 
Sesellen noch einmai aufgeführit werden, so stimmen auch wir 
diesem Wunsche bei, um so mehr, als bei einer Wiederaufführung 
durch ein erhobenes Eintrittsgeld doch ein Theil der bedeutenden 
Kosten, welche die neuaufgerichtete Bühne verurfacht hat, gedeck 
werden könnte. — 
Nachdem gedachtes Stück am St. Stephansabend aufgeführt 
war, sprach der Praͤses in beredeten Worten über die Bedeutung 
des „Shristkindleins“ für den Handwerkerstand , worauf 
die Gabenvertheilung stattfand. Durch die edle Wohlthätigkeit von 
Gönnern des Vereins war es möglich, jedem der Mitglieder für 
die kleine Einlage von 12 kr., eine Gabe von mindestens 1 fl. 
Werth zu überreichen. Die Süßigkeiten des Christbaumes ge⸗ 
langten in die Hände der jungen und alten Kinder. Gesänge 
und Deklamationen ernsten und heitern Inhalts würzten vollends 
den Abend uund machten ihn, wie nicht anders zu erwarten, zu 
einem der genußreichsten des Jahres. 
Wir stimmen also dafür, daß besagtes wunderliebliches Weih⸗ 
nacht sstück, in welchem der Geselle T homa so eutzückend 
auf der Schalmei blast an Dreikönigsabend noch einmal 
— wie gesagt gegen Entré — aufgeführt werde. An großer Be⸗ 
theiligung aus allen Ständen ist nicht zu zweifeln. 
Konstanz, 18. Dez. (Schwurgericht.) Gegenstand der heutigen — 
letzten Sitzung des 4. Quartals —“ war die Anktlage gegen Richard Ber⸗ 
nauer, 5 Hupfer, Fridolin Marder, Leopold Bernauer sämmtlich 
oon Grafenhausen wegen Tödtung. Auf der Gerichtstafel erbliden wir 
einen in viele Stügde se Schädel, einen blutbefleckten Prügei 
und einen Lichtstock. Der Erschlagene Blafius Maier von Menwangen 
hatte schon seit geraumer 8 mit den Bernauers in Grafenhaufen schlecht 
zestanden: er hatte den auptangeklagten Richard Bernauer um 2Na— 
‚oleon's betrogen und im am Kirchweihmontag d. J. mit einem Lichtstock 
o heftig auf den Kopf geschlagen, daß die Spuren noch jetzt sichtbar sind, 
die Familie Bernauer in Grafenhaufen zeichnete fich zudem durch ihren 
Ztolz aus, da der Großvater des Angeklagten Oberförster gewesen vwar. 
Als daher am 7. November d. J. B'asius Naier ins Kreuzwirthshaus 
uu Grafenhausen kam, drohte ihm Richard Bernauer mit einem Lichtstocke 
uerst, ward aber wieder von dem andern beruhigt, worauf sich alle ent 
ernten. Der „Blasimaier“, dem die Sache nich ganz geheuer schien, bat 
nen Wirth, ihn über Nacht zu behalten, was sener aber verweigerte, und 
zlasimaier zur Hinterthür hinausiieß. Die Angeklagten hatten sich mitt 
erweile vor dem Kranzwirthshause herumgetrieben/ und als sie dom 
S„ohne des Wirthes hörten, Blafimaiet sei hintenhinaus, machten sie sich 
»ahinter und nun wurden dem Naier mit einem Prügel solche Schläge auf 
den Kopf und zwar Hinterkopf verseht, daß ihm der Schädel in eine 
Nenge Stücke zerschmettert und sogar das Felsenbein zerspalten wurde. 
In der kalten eee blieb der zum Tode Getroffene liegen und 
als endlich nach einer Stunde man sich herbeiliez, ihn ins Wirthszimmer 
zu schleppen, zeigte sich bald das Hoffnungslose seines Zustandes, Unter 
zräßlichen Schmerzen, Convulfioneß in Foige der Hirnerschütterung, fort⸗ 
pährenden Erbrechungen, gab er zwei Tage darauf den Geist auf. Im 
daufe der Verhandlung wurde die Thäterschaft des Richard Bernauer, 
ind zwar die alleinige, bewiesen. VDer Angeklagte Hupfer kam daher 
esser davon, als er wohl felbst hoffen durfte. Trotz der brillanten Plai⸗
	        

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Freie Stimme Vom See Und Hegau, Damit Verbunden Der Radolfzeller Anzeiger, Jg. 1870. Wilhelm Moriell’sche Buchdruckerei, 1870.
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