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Bote aus dem Bieletal (1967)

Bibliografische Daten

fullscreen: Bote aus dem Bieletal (1967)

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Oberschlesische Heimatblätter ab 1949
Titel:
Bote aus dem Bieletal
Untertitel:
Ziegenhalser Stadtblatt in d. Fremde
Publikationsort:
Gaggenau
Veröffentlichungsjahr:
1954
Verlag:
Torzewski

Physikalischer Standort:
Bibliothek der Stiftung Haus Oberschlesien, Ratingen
Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=012125091
Strukturtyp:
Zeitschriftenband
Sammlung:
Oberschlesische Heimatblätter ab 1949
Titel:
Bote aus dem Bieletal
Untertitel:
Ziegenhalser Stadtblatt in d. Fremde
Band, Heft, Nummer:
1967
Publikationsort:
Gaggenau
Veröffentlichungsjahr:
1954
Verlag:
Torzewski

Physikalischer Standort:
Bibliothek der Stiftung Haus Oberschlesien, Ratingen
Signatur:
M 101
Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=012125091_1967

Zeitschriftenheft

Strukturtyp:
Zeitschriftenheft
Titel:
September 1967
Band, Heft, Nummer:
9

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Bote aus dem Bieletal
  • Bote aus dem Bieletal (1967)
  • Januar 1967 (1)
  • Februar 1967 (2)
  • März 1967 (3)
  • April 1967 (4)
  • Mai 1967 (5)
  • Juni 1967 (6)
  • Juli 1967 (7)
  • August 1967 (8)
  • September 1967 (9)
  • Oktober 1967 (10)
  • November 1967 (11)
  • Dezember 1967 (12)

Volltext

Folge 9/September 1967 
Herbstzeit in 
Aus dem Band „Kein schöner Land in dieser 
Zeit...” von Otto Rieger entnehmen wir 
heute noch einige Beiträge. 
D. Red. 
Kuhhirten 
Abgeerntet sind die Felder. Hell leuch- 
tet zartes Grün: der ‚Stoppelklee hat, 
jetzt Luft bekommen. Und sobald das 
Grummet noch geborgen ist, beginnt des 
Aüterbuben Zeit. Noch sind die Tage 
heiß und lang. Hinaus geht es also mit 
der ungebärdigen Herde. Wie toll rennt 
das am ersten Tage durcheinander, als 
wollte man sich für das lange, sture 
Stehen im Stalle und an der Kette so 
‚echt schadlos halten. Treibt es die 
Schecke aber gar zu wild, so läßt man 
ihr die Kette um den Hals, auf daß sie 
„Vernunft“ annehme. Schön in der Reihe 
soll die Herde dahinziehen. Rechts und 
links vom Wege bestellt man ja schon 
wieder die Felder der Wintersaat, 
sprießen schon die ersten roten Spitz- 
lein vom Roggen hervor. Nun treibt der 
Bursche das Vieh auf die Wiese, auf den 
Kleeacker. Gib ja acht, daß sie keinen 
Stoppelklee futtern! ruft die sorgliche 
Mutter mahnend nach. Leicht kann es da 
im Stall ein Unglück geben, bestenfalls 
kostet's den Tierarzt und eine schlaflose 
Nacht. Das zarte Grün ist freilich eine 
„viehische” Delikatesse, aber es ruft 
:;odsicher eine Kolik hervor; das wissen 
wir aus der Erfahrung, die oft bitter er- 
kauft hat werden müssen. Auch Nach- 
oars Sprößling widmet sich derseiben 
Aufgabe, das heißt, er macht es so wie 
ich, kümmert sich um nichts und läßt 
dem Schicksal, hier den Kühen, freien 
„auf. Und was ist auch groß dabei, den- 
ke ich: frißt deine Kuh meinen Klee, wird 
sich die meine schon gehörig revanchie- 
‚en. Da gab es höchst selten mal einen 
zisernen Vorhang zwischen zwei Anrai- 
nern. Wir jedenfalls fröhnten nun aller- 
lei Spielen: wir lotsten die Murmeln ge- 
schickt ins Grübchen, wir „mutzten” am 
Wassergraben, wir schürten wohl auch 
an kalten, herbstlich-nebeligen Tagen ein 
Kartoffelfeuer. Der Hosensack barg die 
köstlichsten Teigbirnen, die würzigsten 
„Schafnasen” und zuckersüße Pflaumen. 
So war uns das Hüten eine Lust und 
zreude. Wehe aber, wenn feuchte Nebel 
über die Felder strichen, wenn es niesel- 
te und die Schuhe im Grase bald innen 
so naß waren wie außen! Dann fröstelte 
das. .Büblein gar. .arg _und lauschte. auf 
das Schlagen der Kirchturmuhr, auf das 
Pfeifen der Ziegenhalser Fabriken. Nur 
langsam schlichen da die Stunden: oft 
und immer wieder fragten wir dann die 
vorübergehenden Arbeiter und regen- 
durchweichten Ausflügier nach der Zeit, 
die halt so gar nicht vergehen wollte. Ein 
aaar Felder weiter klaubte man ja noch 
n nassen Furchen die Kartoffeln, so daß 
aiemand daheim war, der das Vieh hätte 
anbinden können. Satt sollte es beim Ein- 
treiben aber auch sein. Das „Rindvieh” 
war aber stur und fraß nicht um ein 
Jota schneller. Endlich winkte man dem 
„ziefernden”, vor Kälteschauern durch- 
Wwühlten Büblein. Alle Lebensgeister 
strafften sich jetzt noch einmal. Schnei- 
dig und lebendig ging es nun scharf ins 
Zeug. Da knallte die Peitsche! Reihoo, 
‚eihoo! Und immer wieder das beschwö- 
-ende Reihoo, reihoo! In toller Karriere, 
die uns aber wegen des dadurch eintre- 
tenden Milchverlustes scharfen Tadel 
eintrug, ging es nach Hause. Hier am 
wohlig-warmen Herde vergaß man 
schnell seine großen Sorgen des kleinen 
derzens, immer aufs neve, bis Rauhreif 
„BOTE AUS DEM BIELETAL“* 
der Heimat 
und Frost alles Wachstum ausschlossen 
nd das Weiden zu riskant für die Herde 
nachten. Damit waren wir ledig unserer 
oitter-süßen Pflicht unseres Jugendda- 
‚eins. Schöne Zeit, deine glücklichen 
;tunden ließen Eindrücke reifen, die sich 
zu inniger Naturverbundenheit und Na- 
‚urliebe verdichteten. 
Es klappert die Mühle am rauschenden 
Bach... 
Hol’ dich der Geier! Das ist zum Tevu- 
°el gegangen! So konnte auch wohl ein- 
nal ein Schlesier herzhaft aufbrausen 
wie Karbid, wenn Wasser darauf ge- 
;chüttet wird. In Zuckmantel ist mancher 
zum Teufel — Schmied gegangen, der 
Jort aber als Kontrahenten auch einen 
3ürger Engel hatte. Und vom Geier ge- 
10lt wurde bei uns fast allwöchentlich 
nancher — Sack, denn in Arnoldsdorf 
;tand dessen Mühle am f*auschenden 
Zach. Der Goldbach war es; das färbt 
ıuch auf Anwohner ab, hat man mit 
Recht vermutet! In schönen Friedenszei- 
'en hielt also sein Müllerwagen mit den 
jrallen Mehlsäcken und der kurzen Trep- 
je allwöchentlich am Straßenrande. 
Zeier-Müller! ließ er sich schon am Gar- 
enzaun schreiend vernehmen. Da stan- 
len schon die korngefüllten Säcke pa- 
‚at. Und im Arnoldsdorfer Tal rauschte 
Jjas Wasser über das Wehr; hier ver: 
ıahm man tagaus, tagein das Dröhner: 
ınd Mahlen und Schleifen und Plät 
‚chern. Laut, fast schreiend, machte man 
sich verständlich, denn die Geräuschku- 
isse des Mahlwerks machte solch 
iröhnende Tonstärke notwendig. Da kam 
las Bäuerlein mit seinem Füchslein ange- 
zampelt, um das Kirmesmehl zu holen; 
Jort stand in sturer, stocksteifer Gelas- 
‚enheit das Ochsengespann. In kleinem 
landwägelchen brachte ein altes Müt- 
erlein ihr Lesegetreide, und wieder ein 
»arfüßiges Büblein holte im weißen Lei- 
1ensäckchen ein Kilo Gerstenmehl für die 
{löße. In der weißen Schürze schritt 
‚ontrollierend der Meister durch den Be- 
rieb, während die Müllerburschen, spä- 
er dann die Söhne, ihres Amtes walte- 
‚en. Und kam der Krieg mit seinen Ein- 
ichränkungen,,dann hieß es Vorsicht, auf 
laß der Gendarm nicht einen Frevler er- 
vische. Aber man tat, was man noch 
1albwegs verantworten konnte, man 
ı1alf, wo man irgendwie konnte, man 
ıratzte den letzten Rest zusammen, — 
as war halt immer und immer wieder 
ıoch ein letzter Rest da! — um Hungrige 
at! machen zu helfen. Dabei fuhr man 
a auch nicht schlecht. Es staubte immer 
an bißchen, und viele Stäubchen sätti- 
Jen ein paar gefräßige Mastschweine, 
iele Körnlein lassen eine Schar fetter 
3änse heranreifen. Eine Hand wäscht 
:ben die andere. Die Zeiten schritten 
‘ort, und mit ihnen die Menschen und 
Arbeitsmethoden. Der Strom wurde zur 
Neltmacht; auch im Dorf trat er seinen 
Siegeszug an. Er machte unabhängig von 
Wasser und Regen. Still lehnte seither 
nanches Mühlrad an der Wand. Nur der 
_ehrer führte wohl einmal im Jahre die 
Kinder zu diesem, wenn er das Lied vom 
„kühlen Grunde” den Kleinen gerade 
arklärte. 
So war es in Arnoldsdorf, so war's in 
der Stadtmühle, in der Mochmöühle, all- 
jberall war es so oder so ähnlich. Man 
diente dem Kunden in Treuen und erwar- 
‚ete Treue, man erwarb sich Achtung und 
Vertrauen und gediegenen Wohlstand. 
Die Wasser rauschen wie ehedem; hörst 
du sie rufen? Es war einmal... 
Seite 3 
Schlachtfest 
Auf des Lehrers Frage nach den Hoch- 
’esten des Jahres kam — angeblich — 
immer die prompte Antwort: Ostern, 
Pfingsten, Weihnachten und — Schwein- 
schlachten. Es stimmte schon: groß ge- 
schrieben wurde dieses Ereignis im Ab- 
iauf des dörflichen Lebenskreises. 
Schweine-Lochter von Altewalde hatte 
beizeiten die Todeskandidaten-Anwärter 
besorgt. Auch Aitmannsdorf pries regel- 
mäßig im Stadtblat+ seine ff. Ferkel an, 
wurfweise, zukunftverheißende Ware. 
Und dann mästete sich das „Nuschla” 
den Tod auf den Hals. War zunächst 
seine Kost eine recht schlackrige, flüssi- 
ge, Milch mit wenig „Einlagen” — wir 
haben etwas Ähnliches auch mal mitge- 
nacht bei den Preußen! — wurde sie 
aber mit der Zeit derber und mehr auf 
Mast abgestellt. Im Kessel dampfte und 
kochte es, daß es durch das ganze Haus 
;o süßlich-warm roch. Als Kinder mußten 
Nir in einem Holzschaff immer dann mit 
einem s-förmigen Stampfer die gekoch- 
ren Kartoffeln zerkleinern, daß keiner 
der kleinen Kostgänger „erwürge”. Si- 
cherheitshalber half die Hand noch ein- 
mal prüfend nach. Welche Gier schrie 
uns da quiekend und plärrend und ego- 
istisch-vordrängend entgegen, wenn der 
Futtereimer klapperte, der Verschlag 
über der Krippe sich öffnete! Da gab es 
ein rücksichtslioses Beiseiteschieben, und 
nichts fruchtete der Klaps auf die schlür- 
;enden und schmatzenden Rüssel. Die 
„Ernte” reift; der Brei wird mit Kleie 
versetzt, das Borstenvieh muß bald dran 
glauben. 
Schon hat der Vater den Fleischer be- 
stellt; der alte Seffsa-Hans, ein Baum 
hatte ihm im Fallen später das Bein zer- 
schlagen, wetzte schon sein Metzger- 
messer, Den Stahl im Stiefelschaft, die 
Schürze zum biutigen Handwerk parat, 
<ommt er an. Ein Strick hängt zum Ho- 
;ensack heraus. Der Fleischbeschauer ist 
auch verständigt. Jetzt her mit dem 
Opfer! Wir Kinder wurden nicht dabei 
geduldet und wollten auch gar nicht Zu- 
schauer sein; manchmal nämlich — ©o 
Tierschutzgesetz! — war nach dem vier- 
ten, fünften Schlag mit der stumpfen 
Axt der „Deliquent” noch absolut nicht 
betäubt und schrie seine Nöte hinaus in 
die Nachbarschaft. Die lächelte: ja, ge- 
lernt ist gelernt: Qualitätsarbeit! Und 
nun öffnete grauser Stahl die Lebens- 
adern. Mutter fing das strömende Blut 
unter fortwährendem Rühren in. einer 
Schüssel auf. Ich denke da noch an die 
„so nahrhafte” Blutwurst in den Jahren 
von 1945 bis 1948, die doch eine Lücke 
im Magen schließen half, als es für Nor- 
nalverbraucher so anormal wenig gab. 
Jnd dann brannte man das hingemorde- 
te Vieh im Fleischtrog mittels kochenden 
Wassers ab und schabte es appetitlich 
glatt und sauber. Ein paar geübte Grif- 
fe: es hing am Haken. Ritz-ratz! sein 
nühsam aufgepäppeltes Ränzlein ist auf- 
geschnitten, das Eingeweide zügig und 
sachkundig in Schüsseln verstaut. In 
einer halben Stunde gibt's Wellfleisch. 
Den Tag voher hat die Graupenkoche- 
rei viel Zeit verschlungen. Bloß aufpas- 
sen, daß sie nicht anbrennt! das ver- 
dirbt den guten Geschmack der Wurst 
und ist durch Gewürz nicht mehr zu .neu- 
tralisieren. Semmeln werden geschnit- 
+en, Zwiebeln, Pfeffer und fremde und 
deutsche Gewürze harren des Wurstma- 
chers. Mit Hackmesser und Fleischmühle 
wandeln sich Leber und Gelünge und 
fettes Wellfleisch in ein gutes Füllsel für 
dicke und dünne Därme. Die Wurstfülle: 
Graupen, Semmeln, Fleisch und schmack-
	        

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Bote Aus Dem Bieletal. Torzewski, 1954.
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