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Bote aus dem Bieletal (1961)

Bibliografische Daten

fullscreen: Bote aus dem Bieletal (1961)

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Oberschlesische Heimatblätter ab 1949
Titel:
Bote aus dem Bieletal
Untertitel:
Ziegenhalser Stadtblatt in d. Fremde
Publikationsort:
Gaggenau
Veröffentlichungsjahr:
1954
Verlag:
Torzewski

Physikalischer Standort:
Bibliothek der Stiftung Haus Oberschlesien, Ratingen
Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=012125091
Strukturtyp:
Zeitschriftenband
Sammlung:
Oberschlesische Heimatblätter ab 1949
Titel:
Bote aus dem Bieletal
Untertitel:
Ziegenhalser Stadtblatt in d. Fremde
Band, Heft, Nummer:
1961
Publikationsort:
Gaggenau
Veröffentlichungsjahr:
1954
Verlag:
Torzewski

Physikalischer Standort:
Bibliothek der Stiftung Haus Oberschlesien, Ratingen
Signatur:
M 101
Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=012125091_1961

Zeitschriftenheft

Strukturtyp:
Zeitschriftenheft
Titel:
März 1961
Band, Heft, Nummer:
3

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Bote aus dem Bieletal
  • Bote aus dem Bieletal (1961)
  • Januar 1961 (1)
  • Februar 1961 (2)
  • März 1961 (3)
  • April 1961 (4)
  • Mai 1961 (5)
  • Juni 1961 (6)
  • Juli 1961 (7)
  • August 1961 (8)
  • September 1961 (9)
  • Oktober 1961 (10)
  • November 1961 (11)
  • Dezember 1961 (12)

Volltext

Postverlagsort 
Baggenau/Murgtal 
I0OW 1854 E 
Bote aus dem Bieletal 
(Siegenhalfer Stadbtblatt in der Sremde) 
Aa 
u 
Folge 3 / März 1961 
A 
Aus der dunkelsten Stunde deutscher Geschichte 
Ein Brief aus Dresden “vom Februar 1945 —- Augenzeugenbericht von der Bombennacht 
Am 13. Februar jährte sich der furchtbare 
Angriff auf Dresden, den der Bruder von 
Frau Besuch aus Ziegenhals, Zollstraße 51, 
miterlebte. Jetzt, nach 16 Jahren, liegt auf 
unserem Redaktionstisch ein Brief dieses 
Oberingenieurs Oswald Kunze, der in uns 
ı1och einmal Erinnerungen wachruft, die 
Jeeignet erscheinen, unseren ÄAlltagssor- 
zen nicht mehr Bedeutung beizumessen 
als sie wirklich wert sind. Aus diesem Brief, 
der aus dem unmittelbaren Erleben des 
3eteiligten und aus der tiefen Sorge um 
das Schicksal naher Angehöriger geschrie- 
ben worden ist, mögen unsere jüngeren 
.eser entnehmen, was der Mensch’ zu er- 
Julden überhaupt fähig ist und unsere 
älteren Leser neue Kraft in dem Bewußt- 
sein schöpfen, daß es ihnen im Vergleich 
zu dem vielleicht persönlich Durchlebten 
1eute nicht einmal so schlecht geht. 
Erinnern wir uns! Am 13. Februar standen 
die Russen vor den Toren der Stadt Zie- 
genhals, Die Tochter unserer Ziegen- 
nalserin, Frau Besuch, glaubte mit ihren 
beiden kleinen Kindern in Dresden siche- 
rer aufgehoben zu sein. Sie lebt heute in 
Bamberg. Ihr Onkel zu dem sie nach Dres- 
den ging und der uns diese Zeilen hinter- 
ließ, ist 1946 bei einem nochmaligen Gang 
über die Zonengrenze in die „tote Stadt” 
verschollen. Erinnern wir uns, wievielen 
„andsleuten es so ging wie dem Brief- 
schreiber — von einem Ereignis urplötz- 
iich aus der scheinbar festgefügten Ge- 
borgenheit des Heimes und der Familie 
in den Strudel der Heimatlosigkeit geris- 
sen zu werden. — . 
„So war der 13. Februar, mein Geburts- 
tag, herangekommen. Else war an diesem 
Tage mit den Kinderchen zu mir gekom- 
men und bei Kaffee und etwas Kuchen 
Jnd anschließendem, bescheidenen Abend- 
arot war es ganz gemütlich. Wir waren 
nsgesamt 12 Personen. Ich hatte gerade 
nit Else vereinbart, daß ich für sie und die 
Kinder am nächsten Tag Wohnraum bei 
nir schaffe und wie wir die Möbel um- 
stellen wollten. Else und die Kinder haben 
dann gegen 9 Uhr abends des 13. Februar 
meine Wohnung verlassen. Ich hatte sie 
noch bis zur Straßenbahn gebracht. Sie 
mußte normalerweise gegen 21.30 Uhr in 
ihrem Übergangsquartier gelandet sein. 
Kurz nach 10 Uhr kam der Alarm — ohne 
'ede Vorwarnung — und schon 5 Minuten 
darauf fielen die Bomben und das Kra- 
chen der Einschläge und das Bersten der 
Häuser wollte kein Ende nehmen. Den er- 
sten Angriff hat unser Haus, Stormstr. 25. 
ainigermaßen gut überstanden, wenn es 
ı1uch bis in die Grundfesten erschüttert 
vurde. Zwar waren sofort sämtliche Fen- 
;terscheiben zertrümmert, der Deckenputz 
ıeruntergefallen, die Möbel in den Zim- 
nern. um-' und durcheinander geworfen, 
lie Vorhänge und Gardinen zerfetzt;aber 
las Haus stand. ‚Die Nachbarhäuser unc 
las Haus gegenüber brannten schon. Ich 
‚eteiligte mich an den Löscharbeiten. Unc 
ıls wir mitten im Zuge waren, das Fever 
ın seiner Ausbreitung zu verhindern, kam 
jegen 0.30 Uhr der zweite Angriff, der 
ıoch viel schrecklicher war als der erste. 
Inser Haus erhielt eine Sprengbombe und 
‚wei Phosphorkanister. Im Zeitraum von 
'z Stunde stand das ganze Haus in Flam- 
nen und das Schicksal von 30 Menschen 
ng an einem Faden. Darum, mit Aufbie- 
ung aller Kraft, drang ich darauf, daß 
ler Keller verlassen wurde. So konnten 
vir wenigstens noch das nackte Leben ret- 
en. Nur 10 Minuten später wäre es zu 
ner Flucht über den Hof zur Nachbar- 
+raße zu spät gewesen. Es ist mir heute 
1och unvorstellbar, daß wir uns noch alle 
‚aben retten können. Denn vor uns und 
ıeben uns brannte alles lichterloh. Nach 
tundenlangem Tasten, mit brennenden. 
Shmerzenden Augen und fiebrigen Schlä- 
an durch die brennenden Straßen, ge- 
ıngten wir endlich in eine Gegend, wo e* 
Jhiger war, Wohin das Auge blickte, 
berall Brände und beißender Qualm. Die 
uft wurde zum Orkan und faustdicke 
;olzteile flogen kilometerweit durch die 
3egend und enifachten neue Brände. — 
Talb betäubt sank ich in einen Straßen- 
jraben, etwa zwei Stunden Wegs von 
neiner Wohnung entfernt. Wo waren 
se und ihre Kinder? Am nächsten Tag 
var es mir bei bestem Willen nicht mög- 
‚ch, in ihre Gegend vorzudringen. Die 
'traßen waren unpassierbar infolge der 
‚ohen ‚Schuttmassen der Häuser. Außer- 
‚em hätte ich wegen der durch Qualm, 
aub und Hitze verklebten, entzündeten 
\ugen, die furchtbar schmerzten, nicht viel 
‚ehen können. Gegen Mittag des 14. kam 
in dritter, schwerer Angriff. Am 16. war 
ch in der Münchener Straße. Indem ich 
er stundenlang durch die Straßen wan- 
jerte, konnte ich mir erst ein richtiges 
3ild über den Umfang der Zerstörungen 
nachen.: Ich übertreibe nicht, wenn ich 
‚age, daß 85% der Stadt zerstört sind. 
Die Innenstadt, etwa 5 km lang und 4 km 
oreit, ist eine einzige Trümmerstätte. Kein 
_icht, kein : Wasser, kein Gas. Dresden, 
er 
vn ; 
u ; ; ; 
n 
7 1 
Jahrgang 8 
Öfterlied 
Die Wasser eilen von den Hängen, 
Von Anemonen weiß umblüht, 
Aus Kindersang und Glockenklängen 
Steigt auf das Auferstehunoslied. 
Nun bist Du, Herr, der armen Erde 
Erneut in Gnaden ausgeteilt, 
Und alle Wunde und Beschwerde 
Wird heut’ von Deinem Hauch geheilt 
Otto Gillen 
diese schöne Stadt, war einmal. Man wird 
20 Jahre brauchen, um die Trümmer fort- 
zuräumen. Und in 100 Jahren — wenn 
jberhaupt noch — wird wieder einiges 
‚eben sich darin regen. Auf Jahrzehnte 
werden Ratten die Bewohner von Dresden 
sein. Dresden hatte normalerweise 650 000 
3nwohner. Infolge der wochenlang an- 
1altenden Flüchtlingsströme aus Schlesien, 
Istpreußen usw. war diese Zahl auf eine 
Million angestiegen. Von dieser Million 
sind in den drei Stunden einer einzigen 
Nacht wenigstens 500000 obdachlos ge- 
worden. Die Leichen, es werden an die 
aunderttausend sein, begräbt man nicht 
mehr, sondern man stapelt sie dort; wo 
man sie findet zu großen Haufen auf und 
verbrennt sie mit Hammenwertenn ‚.. Der 
Anblick, den ganz Dresden jetzt bietet, ist 
trostios, so hoffnungslos, daß alles Planen 
Für die Zukunft sinnlos wird, 
Die Kellerräume, wo Else sich aufhielt, 
waren erhalten geblieben. Ich konnte in 
sie hineinsehen. Ich halte die Hoffnung 
aufrecht, daß sie aus dem Keller heraus- 
Jerettet werden konnten. — Wenn Du 
atwas weißt, gib mir bitte Nachricht. Das 
Ende des Krieges wird, wie die Dinge ge- 
genwärtig liegen, in 2 bis 3 Monaten ge- 
kommen sein. Das ist meine feste Über- 
zeugung. Das Ende wird schrecklich sein.” 
Die sich in diesem Brief Sorgenden sind 
tot, Die junge Frau mit ihren beiden Kin- 
dern lebt als Gattin des Rechtsanwaltes 
Dr. L. Knothe in Bamberg. Ihnen verdan- 
ken wir diesen Augenzeugenbericht aus 
der dunkelsten Stunde deutscher Ge- 
schichte. Sie und wir leben. Sind wir dar- 
über auch zufrieden genug? — 
-
	        

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