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Bote aus dem Bieletal (1958)

Bibliografische Daten

fullscreen: Bote aus dem Bieletal (1958)

Strukturtyp:
Zeitschrift
Sammlung:
Oberschlesische Heimatblätter ab 1949
Titel:
Bote aus dem Bieletal
Untertitel:
Ziegenhalser Stadtblatt in d. Fremde
Publikationsort:
Gaggenau
Veröffentlichungsjahr:
1954
Verlag:
Torzewski

Physikalischer Standort:
Bibliothek der Stiftung Haus Oberschlesien, Ratingen
Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=012125091
Strukturtyp:
Zeitschriftenband
Sammlung:
Oberschlesische Heimatblätter ab 1949
Titel:
Bote aus dem Bieletal
Untertitel:
Ziegenhalser Stadtblatt in d. Fremde
Band, Heft, Nummer:
1958
Publikationsort:
Gaggenau
Veröffentlichungsjahr:
1954
Verlag:
Torzewski

Physikalischer Standort:
Bibliothek der Stiftung Haus Oberschlesien, Ratingen
Signatur:
M 101
Persistente Url:
https://www.digishelf.de/piresolver?id=012125091_1958

Zeitschriftenheft

Strukturtyp:
Zeitschriftenheft
Titel:
November 1958
Band, Heft, Nummer:
11

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Bote aus dem Bieletal
  • Bote aus dem Bieletal (1958)
  • Januar 1958 (1)
  • Februar 1958 (2)
  • März 1958 (3)
  • April 1958 (4)
  • Mai 1958 (5)
  • Juni 1958 (6)
  • Juli 1958 (7)
  • August 1958 (8)
  • September 1958 (9)
  • Oktober 1958 (10)
  • November 1958 (11)
  • Dezember 1958 (12)

Volltext

Samäun Bote aus dem Bieletal 
(Siegenhalfer Stadtblatt in der fremde) 
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Folge 11 / November 1958 
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Patschkau im 
Neißer Land 
Aller guten Dinge sind drei, sagt der 
Volksmund. Und das gilt auch für unseren 
Heimatkreis: Drei Städte umfaßt er neben 
einer recht etattlichen Zahl von blühenden 
Dörfern. Die kleinste davon ist eben unser 
schlesis:hes Patschkau, Wir erreichen es mit 
Jer Bahn, die von Neisse dem Knotenpunkt 
Kamenz zustrebt. Es liegt an der Glatzer 
Neiße und breitet sich in der Hauptsache 
auf deren rechtem Ufer aus. Noch etwa drei 
bis vier Kilometer braucht der Fluß von 
hier aus, ehe er im Staubecken von Ottma- 
chau verweilt und seinem Schlesiervolke 
dienstbar und nützlich wird. Der Bahnhof 
ist ein ganzes Ende von der Stadt abgerückt; 
das ist weiter nicht verwunderlich, denn der 
Mensch in der Mitte des neunzehnten Jahr- 
hunderts hatte ein ganz anderes Verhältnis 
zur Schiene als wir Heurigen: denen da- 
mals war die Eisenbahn Teufelswerk und 
wüster Spuk, den man sich lieber etwas wei- 
ter vom Halse hielt. In Ziegenhals war ja 
2in sehr ähnliches Bild dessen zu beobackh- 
(en. In etwa 200 m über dem Meeresspiegel 
erstreckte sich die Patechkauer Flur weithin, 
meist eben und leicht hügelig, wie eben 
Flußniederungen beschaffen sind. Im Jahre 
1954 durften die Patschkauer das sieben- 
hundertjährige Bestehen ihrer Stadt feiern. 
Das Schicksal wollte es freilich, daß dieses 
Jubiläum nicht daheim, sondern in der 
Fremde, der Patenstadt Einbeck im Hanno- 
verschen, begangen werden mußte. Hier in 
Einbeck, nur eine Station westlich von Krei- 
ensen, an der Hauptstrecke München — 
Hamburg, finden wir einen Großteil der 
ehemaligen Bewohner des Patschkauer Länd- 
chens angesiedelt, in Einbeck und seiner 
fruchtbaren Umgebung. Möge sie das be- 
rühmte Einbecker Bier, der Urquell des Bock- 
biers, über manche Sorge der Vertriebenen- 
zeit hinwegtrösten! Romantisch war ihre 
Vaterstadt, nicht minder romantisch ist auch 
diese ihre Patenstadt mit ihrem wundervol- 
jen Rathaus und all den zierlichen Fachwerk- 
bauten. 
Die Gründungsurkunde der Stadt war bis 
ur Gegenwart erhalten und wurde als teures 
Erinnerungsmal im Rathaus aufbewahrt. 
Xer nichts erheiratet und nichts ererbt, bleibt 
ı armes Luder, bis er sterbt; so drückte sich 
Jerb der Volkemund aus, Und das erwies 
lich wieder mal im umgekehrten Sinne an 
ınserem Patschkan: Bischof Konrad von 
greslau schenkte der Stadt 1420 einen um 
langreichen Wald bei Gostal und bestimmte, 
laß „derselbe Wald bei vorgenannter Stadt 
>hne Veräußerung, Verkauf oder irgendeine 
Verschenkung für ewige Zeiten verbleibe”. 
50 hatte Patschkau ein reiches Kämmerei- 
zut. Doch, wo viel ist, kommt meistens noch 
mehr dazu. Es bekam wiederum 182 Morgen 
‚on bischöflicher Seite geschenkt, die bis 
1776 als Viehweide den Ackerbürgern dien- 
en, 1776 aber auf Befehl Friedrichs II. an: 
‚eilmäßig an die bisherigen Nutznießer ale 
Sigentum aufgeteilt wurden. Gegen 1490 er- 
3ielt die Stadt das bischöfliche Gut in Kamitz 
als Pfand für ein Darlehen; man kaufte es 
päter dem Bischof ab. 1610 erwarb man 
ut Buchelsdorf und einen Teil von Heiners- 
dorf, 1628 die sog. „Hundorfer Mühle” in 
Kamitz, 1654 das Ober- und Niedervorwerk 
in Kamitz, 1665 das wüst liegende Nowak: 
ıche Gütchen in Kamitz. So konnten die 
Bürger wohl zufrieden sein mit ihrem Magi- 
rat, der die Steuergelder gut anlegte. Und 
‚trotzdem: Der Kämmerer wies 1674 ein jähr- 
iches Defizit von 750 Thalern aus. Wie kam 
jas? Ja, man saß an der Krippe und — fraß 
ch stattlich rund, Der Bürgermeister und 
ılle Ratsherren, der Notar, alle Bürger am 
Ende langten ungeniert zu: Der Bürger- 
meister bekam um 1750 allein 48 Klafter 
Holz aus dem Stadtıforst, die Ratsherren je: 
der 24 Klafter. Schon Maria Theresia, die 
Herrin Schlesiens bis 1741, hatte das »„ Haug: 
a0lz” für die Patschkauer Bürger einschrän- 
<en müssen, weil man eben doch sehr ego- 
‚stisch dachte und nichts auf die hohe Kante 
legen wollte. In der zweiten Hälfte des neun: 
zehnten Jahrhunderts wurde die Holzbelie- 
f/erung der Bürgerschaft endgültig abgelöst 
ınd eingestellt, Der Gegenwert dieser groß- 
„ügigen Rentenverteilung kam fortan ins 
zemeinsame Stadtsäckel, und hierauf erfreu- 
ien sich die Bürger Patschkaus einer heute 
airgends mehr vorkommenden Tatsache: 
Sie brauchten lange, lange Zeiten überhaupt 
keine Kommunalsteuern mehr zu zahlen. 
Grund- und Gewerbesteuern kannten sie 
sicht mehr. Das wäre auch heutzutage ge- 
wiß ein idealer Zustand und führte „be: 
nimmt” zu einer radikalen Preissenkung 
ieitens des Vermieters und Händlera .. _? 
Direkt am Stausee Ottmachau liegt das 
Dorf Altpatschkau, das die erste und ältere 
der beiden Siedlungen gewesen ist, Die Stadt 
Patschkau verdankt ihr Entstehen dem Bres- 
lauer Bischof Thomas I. Dieser gab 1254 
den beiden Vögten Heinrich und Wilhelm 
den Auftrag, einen neuen Markt an der Nei- 
ße anzulegen. Als Fundus übereignete er 
ihnen dazu das Dorf Bogenau und einige 
zu Altpatechkau gehörige Äcker. Der neuen 
Siedlung wurde von Anfang an das deutsche 
Recht zuerkannt, das keine Leibeigenschaft 
kannte und das auch die Stadt Neisse besaß. 
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Jahrgang 5 
Der materielle Wohlstand ließ auch das 
Selbstbewußtsein der Patschkauer rasch 
wachsen, und das änßerte sich bald im Bau 
eines Gymnasiums. Jetzt hatten die Söhnlein 
der Potschen-Patrizier das Sprungbrett, von 
dem aus man Karriere im Staatedienst und 
auf dem Gebiete der Wirtschaft und Wissen- 
schaft machen konnte. Man werkte fleißig 
and spezialisierte sich besonders auf den 
Sektor Fußbekleidung. Überall auf den 
Märkten beherrschte der Schuh- und Filz- 
schuhmacher aus Patschkau das Feld. Ein 
xJuger Kopf schuf in Erinnerung an seine 
Gymnasialperiode eine Fabrik, die jedweden 
Schulbedarf zu decken bemüht war und weit- 
hin kaum eine Konkurrenz hatte. Es ent- 
stand die Schulbedarfsfirma Schneider, die 
die Patschkauer Dohle als Warenzeichen in 
Deutschlands Gauen berühmt machte. 
Aber in einem waren die Patschkauer kon- 
servativst: Als im Zuge der Industrialisierung 
alle Städte ihre Mauern als einengende Fes- 
sel niederrissen, machte die Stadt nicht mit. 
50 wurde sie zum Paradies der romantischen 
Schwärmer von der „guten alten Zeit”. Das 
„Schlesische Rothenburg”, jener schönen 
Tauber-Stadt im mittelalterlichen Kleide 
ährlichst, wurde Patschkau genannt. Eine 
komplett erhaltene Stadtmauer mit ihren 
27 Wehr- und Tortärmen sehen wir. Der 
Wallgraben allerdings ist eingeebnet und er- 
zab die schönste Promenade rings um die 
Stadt. So wurde Patschkau auch demzufolge 
beliebter Ruhesitz vieler Pensionäre. 
Die 1254 gegründete Stadt erstrebte auch 
bald eine würdige Kirche. Ende des 13. Jahr- 
hunderts war es soweit. St. Johannes, dem 
Evangelisten, wurde die Kirche geweiht. Es 
ist eine ausgesprochene Wehrkirche mit 
sinem hochragenden Turm und den schmük- 
kenden wie schützenden „ Fischschwänzen ”. 
In ihr sehen wir auf der Südseite den soge- 
nannten Tartarenbrunnen, den diese nach 
ihrer Niederlage bei Walstatt auf dem Rück- 
zuge errichtet haben sollen. Wohl haben sie 
damals die Wehrkirche als Verteidigungsbau 
besetzt und sich auf Belagerung eingerichtet. 
Aber ale historisch feststehend gilt diese 
Meinung nicht. Das Attribut des Kirchen- 
patrons St. Johannes, der Adler, ist auch auf 
diese Weise ins Stadtwappen gekommen. 
Die vielen, vielen Dohlen, die um den ho- 
hen Turm von St. Johannes kreisten und 
kreischten, gaben den Bäckern der Stadt den 
Gedanken ein, diese Fliegerspitzbuben zu 
„verewigen” in ihrem Grundstoff Teig. So 
labte sich fortan alles an Patschkauer Doh- 
len, und mit dem „Verewigen” war es na- 
türlich nicht weit her. Die Kirche ist spät- 
gotischen Stils, während das den Ring 
schmückende Rathaus ein Renaissancebau 
ist. Auf dem Ringe standen immer noch
	        

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